Verfasst von: aeropersredaktion | 29/12/2010

Randnotiz

Ebenfalls aus der aktuellen Rundschau:

Die hohe Kunst der Mathematik

Sudoku ist unter dem fliegenden Personal weit verbreitet. Mir scheint dieses Gehirntraining einem einzigen Zweck zu dienen: dem Erlernen der hohen Kunst der Mathematik, um dem Preferential Bidding System (PBS) deutlich zu machen, welchen Dienstplan man sich im nächsten Monat wünscht. Ich bin noch immer in meinem Glauben bestärkt, dass ich auch ohne mentale Vorbereitung das PBS so lenken kann, dass es meine Wünsche berücksichtigt.

Kurz vor dem 15. des Monats setze ich mich jeweils an meinen heimischen Personal Computer. Ich versuche den Dienstplan so auszurichten, dass ich mein soziales Leben rund ums Fliegen in den Griff bekomme. Mein soziales Leben umfasst meine Partnerin, die als Flight Attendant bei der Swiss arbeitet, Verwandte und Freunde und ab und zu eine Tennisstunde. Den Traum vom Vereinsleben oder von freien Wochenenden habe ich mit dem Beginn meiner fliegerischen Tätigkeit begraben.

Also dann, ran ans fröhliche Bidding! Die Möglichkeiten, die einem das PBS bietet, sind schier unbegrenzt. Wann möchte ich welchen Nightstop? Wann möchte ich lieber Reserve haben? Langoder Kurzstrecke gefällig? Will ich das Wochenende frei? Bin ich ein Morgenmensch, gebe ich ein, dass ich morgens arbeite und nachmittags frei bekomme. Oder doch lieber Split Duty, sprich die ganze Nacht arbeiten, dafür tagsüber frei?

Nein, meine Wünsche sind bescheiden: Ich möchte gerne ein oder zwei Nightstops zusammen mit meiner Partnerin (und damit auch ein oder zwei gemeinsame Freitage), und ich möchte jeweils dienstags freihaben, da dieser Tag unter Fliegenden nicht so beliebt ist und ich mir deshalb eine grössere Chance ausrechne, ihn zu bekommen.

Das Warten beginnt. Und die Spannung steigt. Offiziell am 24. des Vormonats, meistens schon am 22., bekommen die Cockpit Crews den Plan. Da ihr Plan als Erster fertiggestellt wird, wird der Plan der Cabin Crews jeweils einen Tag danach veröffentlicht. Meine Partnerin ruft kurz an, da ich unterwegs bin: «Du hast einen guten Plan bekommen und einige Tage frei. Nein, der Dienstag ist nicht dabei. Und du fliegst beinahe das Maximum von 95 Blockstunden. Aber du fliegst dreimal nach Berlin in den Nightstop, da komme ich hoffentlich mit.» Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Und tatsächlich fliegen wir gemeinsam nach Berlin. Ein nicht unwichtiges Detail: Ich steige aus und gehe ins Hotel, während meine Partnerin den Rückflug nach Zürich antritt. Das PBS ist ein Computerprogramm, und ich muss mir einmal mehr eingestehen, dass meine mathematischen Fähigkeiten denjenigen eines Computers nicht standhalten. Eine Anfrage bei der Planung über den Unglückshergang erübrigt sich, denn die Antwort ist meist noch härter als der Dienstplan: «Aufgrund der von Ihnen gemachten Eingaben hat das PBS die bestmögliche Alternative vorgeschlagen. Versuchen Sie es das nächste Mal anders …». Ja, wir haben es bereits ein gutes dutzend Mal anders probiert. Das ernüchternde Resultat: Ein einziges Mal hat sich das PBS unserer erbarmt und uns auch tatsächlich gemeinsame Nightstops gegeben. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.

Doch es gibt einen Funken Hoffnung: Ein neues Planungssystem ist auf dem Vormarsch und soll Anfang 2012 Linderung bringen. Wegen der knappen Bestände sei dahingestellt, ob ein neues System tatsächlich die Wünsche besser erfüllen kann. Doch wir vertrauen auf die Swiss-Mitarbeiter, die dieses System integrieren, und wünschen uns, dass es möglichst bald in Betrieb genommen wird.

Bis dahin gibt’s nur etwas: 18 Mal schlafen, dann startet die nächste Bingo-, Entschuldigung, BiddingRunde.

Tobias Mattle


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