Verfasst von: aeropersredaktion | 07/01/2011

Weiterbildung im Blickpunkt

Aus der aktuellen Rundschau

Vorgeschrieben ist Weiterbildung nicht, gefordert wird sie aber unaufhörlich. Drei verwandte Luftfahrtunternehmen in drei verschiedenen Ländern haben einen unterschiedlichen Ansatz, den Wissensdurst ihrer Mitarbeiter zu stillen. Ein Versuch, Licht ins Dunkel zu bringen.

Text: Peter Tilly

Die Schweiz verfügt über ein Schulund Bildungssystem, um das uns viele Staaten beneiden. Die Ausbildungen sind reglementiert und gut organisiert. Doch wie steht es mit dem Recht oder der Pflicht auf Weiterbildung? Lebenslanges Lernen sei heute ein Muss, wird uns von den Wirtschaftsverbänden und Firmen erzählt. Aus fachlicher Sicht muss dem zugestimmt werden, von gesetzlicher Pflicht auf Weiterbildung kann aber keine Rede sein. Mit verschiedenen politischen Vorstössen versuchten die Gewerkschaften, dies in der Vergangenheit zu ändern. Leider mit wenig Erfolg. In der neuen Bundesverfassung (BV), die am 21. Mai 2006 vom Volk angenommen wurde, hat die Weiterbildung erstmals Erwähnung gefunden. Mit Artikel 64a BV hat der Bund den Auftrag erhalten, Grundsätze über die Weiterbildung festzulegen. Zudem hat er die Kompetenz, die Weiterbildung zu fördern, wobei er die Kriterien und Bereiche festzulegen hat. Artikel 64a BV gewährt jedoch kein Recht auf Weiterbildung.

Schweiz im Abseits

Das ist schade. Denn die Schweiz steht damit international einmal mehr im Abseits. Die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) behandelt im Übereinkommen Nummer 140 den bezahlten Bildungsurlaub. Dauer und Art des Bildungsurlaubs werden im Übereinkommen nicht definiert. Die Schweiz hat dieses Abkommen nicht ratifiziert. Dennoch ist die Nachfrage nach Weiterbildungskursen in der Schweiz ungebrochen. Letztes Jahr besuchten 39 Prozent der Erwachsenen (1,9 Millionen Personen) in der Schweiz mindestens einen Weiterbildungskurs, 29 Prozent (1,4 Millionen Personen) besuchten diese Kurse aus beruflichen Gründen. In einem Jahr wurden 123 Millionen Unterrichtsstunden im Rahmen von Kursen für Erwachsene besucht. 88 Millionen davon waren beruflich bedingt, und 35 Millionen wurden aus ausserberuflichen Gründen besucht. Im Durchschnitt wurden für einen Anlass weniger als eine Arbeitswoche aufgewendet. Etwas über 65 Prozent der Kurse, die aus beruflicher Motivation absolviert wurden, haben die Arbeitgeber bezahlt. Sieben Prozent finanzierten die Arbeitslosenkassen oder ähnliche Institutionen, und 28 Prozent gingen auf Kosten der Arbeitnehmer. Und wie sieht es bei der Swiss aus?

«Lebenslange Weiterbildung ist heute eine Selbstverständlichkeit und ein Muss.»

Weiterbildung für Swiss-Piloten

Ein Pilot kommt während seiner beruflichen Karriere in den Genuss vieler Weiterbildungen. Es muss dabei unterschieden werden, ob es sich um lizenzrelevante oder nicht lizenzrelevante Kurse handelt. Die von der Lizenzbehörde vorgeschriebenen Ausund Weiterbildungen wie Umschulungskurse, Checks, CRM (Crew Resource Management) und RGC (Recurrent Ground Training) sind in ihren Inhalten vorgeschrieben, werden aber seitens der Swiss durch freiwillige Elemente ergänzt. Auf der nicht lizenzrelevanten Seite gehören der Refresher-Tag und das FATCAT-Programm zu den bekanntesten Angeboten. Neu dazugekommen ist der «Captain’s Day», der zur Festigung der Position des Kapitäns innerhalb der Swiss beitragen soll. Alle diese Angebote sind für den Arbeitnehmer obligatorisch, kostenlos und werden im Einsatz als Duty geplant. Schwierig wird es für die Piloten, wenn sie einen privaten Weiterbildungskurs in der Freizeit besuchen möchten. Die unregelmässige Arbeitszeit verunmöglicht den Besuch einer Weiterbildung in den meisten Fällen. Einzelne Tage frei zu planen ist für den einzelnen Piloten nur sehr beschränkt möglich. Besser haben es in dieser Beziehung die Flight Attendants. Für sie stehen eine beschränkte Anzahl Plätze in internen Weiterbildungen zur Verfügung. Ist ein Platz in einem Kurs frei, wird der Ausbildungstag von der Disposition im Einsatz blockiert. Die Angebotspalette der Kurse sich sehen lassen kann. Vom Knigge-Kurs bis zur Einführung in verschiedenste Computerprogramme wird einiges geboten.

Die Swiss bietet Unterstützung, wenn ein Pilot ein Nachdiplomstudium besuchen möchte. Dafür steht intern ein gewisses Kontingent an «Study-Wish»Preassignments zur Verfügung. Das heisst, dass für den Piloten im Einsatz die Rotationsfreitage so geplant werden, dass er den Kurs besuchen kann. Hier muss betont werden, dass es sich nicht um zusätzliche Freitage handelt. Wie gross die Kontingente sind und an welche Rahmenbedingungen sie geknüpft sind, kann den «Richtlinien zum Study-Wish», abgelegt im Crew Link unter HR Section/Cockpit Crew SWR, entnommen werden.

Die Situation bei der Lufthansa

In Deutschland liegt der Bereich Ausbildung allein in der Zuständigkeit der Länder. Der Bundesstaat muss aber als Garant für die Einhaltung der unterzeichneten internationalen Verpflichtungen die Anwendung des Übereinkommens Nummer 140 der IAO überwachen, die, wie bereits erwähnt, ein Recht auf bezahlten Bildungsurlaub festschreibt. Doch nur elf der 16 Bundesländer haben ein Gesetz zur Weiterbildung ausgearbeitet. So kennt das Land Hessen das Recht auf fünf Arbeitstage im Jahr, das Land Bayern folgt den Vorgaben des Bundesstaates nicht. Das hat bei unseren Kollegen der Lufthansa zur Folge, dass Crew-Mitglieder mit Homebase Frankfurt (Hessen) in den Genuss von Bildungsurlaub kommen, Piloten und Flugbegleiterinnen mit Homebase München (Bayern) nicht. In den Bundesländern, die das Übereinkommen 140 der IAO umsetzen, steht jedem Arbeitnehmer pro Jahr eine Woche Bildungsurlaub zu. Wird dieser nicht genutzt, ist er auf das nächste Jahr übertragbar. Danach verfällt er.

Kurse, die man in diesem Rahmen besuchen kann, werden vom Arbeitnehmer bezahlt. Die Lohnfortzahlung ist durch den Arbeitgeber gewährleistet. Die Kurse, die im Bildungsurlaub belegt werden können, müssen zudem als solche vom entsprechenden Bundesland anerkannt sein und eine Mindestanzahl von Lektionen beinhalten. Ein Berufsbezug ist vorgeschrieben, ansonsten werden sie firmenseitig abgelehnt. Wo die Grenze liegt, die den Berufsbezug definiert, ist nicht einfach zu beschreiben. «Excel»-Schulungen wurden mit der Begründung abgelehnt, sie seien nicht berufsrelevant, während Kurse akzeptiert wurden, die der politischen Bildung dienten. Auch die Vereinigung Cockpit (VC) bietet ihren Mitgliedern Kurse an, die sich mit dem Thema Fliegen beschäftigen. Dazu gehören Führungsseminare und Kurse rund um das Thema CRM (Crew Resource Management).

Weiterbildung bei der Austrian Airlines

Die Piloten der Austrian Airlines (AUA) haben laut ihrem Kollektivarbeitsvertrag kein Anrecht auf bezahlte Weiterbildungstage. Innerhalb der Firma wird ein bunter Strauss von Kursen angeboten, die vom Arbeitnehmer zu bezahlen sind und in der Freizeit absolviert werden können. Zwischen Sprachkursen, Tanzkursen, Yoga-Lektionen und Sportaktivitäten kann der Interessierte auswählen. Gelegentlich bietet die AUA für Piloten Seminare in Verhandlungstechnik und Selbstverteidigung an, die unentgeltlich sind und in der Freizeit absolviert werden müssen. Führungskräfte und Instruktoren kommen bei der AUA in den Genuss spezieller Schulungen. Die Austrian Cockpit Association (ACA) bietet selbst keine Kurse an, zahlt aber die notwendigen Fortbildungen für Mitglieder, die aktiv für den Verband tätig sind. Will ein Arbeitnehmer in Österreich einen längeren Bildungsurlaub nehmen, kann er Bildungskarenz beantragen.

Die Bildungskarenz ermöglicht es Arbeitnehmern, sich bei bestehendem Arbeitsverhältnis zur Weiterbildung freistellen zu lassen. Diese Freistellung muss zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vereinbart werden. Auf Bildungsfreistellung besteht kein Rechtsanspruch. Wird die Bildungskarenz gewährt, bekommt der Arbeitnehmer während der Dauer der Bildungskarenz (mindestens zwei Monate, maximal ein Jahr) vom Bundesland einen Lohn, der dem des fiktiven Arbeitslosengeldes entspricht. Da der Arbeitgeber zustimmen muss, kommt diese Art von Bildungsurlaub praktisch nur bei Personalüberbestand zum Tragen.

AUA-Piloten, die ein Nachdiplomstudium absolvieren, planen sich mit freundlicher Mithilfe der Dienstplanung die Tage frei. Den Piloten der AUA stehen dafür jeden Kalendermonat fünf Tage zur Verfügung, die sie als «wunschfrei» setzen können. Zwei der fünf Tage dürfen auf ein Wochenende oder einen Feiertag fallen. Die Dienstplanung muss mindestens 20 Prozent, also einen der fünf Tage, erfüllen. In der Praxis werden aber deutlich mehr als 20 Prozent der Freiwünsche geplant.

Fazit

Lebenslange Weiterbildung ist heute in jedem Beruf eine Selbstverständlichkeit und ein Muss. So unterschiedlich die gesetzlichen Vorlagen sind, so unterschiedlich ist das individuelle Bedürfnis nach Weiterbildungsthemen. Ob einem die Kurse auf dem Serviertablett präsentiert werden oder man sich das beste Kursprogramm selber zusammenstellt, die Initiative muss vom Arbeitnehmer ausgehen. Sei es nun in der Swiss, der Lufthansa oder der AUA – Möglichkeiten dazu sind vorhanden, wenn auch in unterschiedlicher Form und mit unterschiedlichen Bedingungen. Gemeinsam in den drei Firmen ist, dass sich die Arbeitgeber mit der Bewilligung von berufsfremden Kursen schwertun.

Das ist bei der Pilotenknappheit kurzfristig nachvollziehbar, langfristig aber nicht sinnvoll. Wenn die Weiterbildung in der Schweiz auch gesetzlich nicht geregelt ist, so ist der Wunsch danach dennoch ungebrochen. Damit der Wissenshunger gestillt werden kann, muss der Arbeitgeber die Möglichkeit bieten, Kurstage weit im Voraus zu blockieren. Es ist keine Forderung nach Geld und keine Forderung nach zusätzlichen Freitagen. Es ist im Gegenteil zum Vorteil der Firma. Der Arbeitgeber verliert dabei etwas Planungsflexibilität, profitiert im Gegenzug aber von einem motivierten und besser ausgebildeten Mitarbeiter.


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