Verfasst von: aeropersredaktion | 21/03/2011

„Obwohl gesetzlich gerade noch erlaubt, findet es niemand sinnvoll, wenn Autofahrer permanent mit 0.5 Promille herumfahren würden.“

Im folgenden Interview mit dem Präsidenten der AEROPERS, Herrn Rolf Odermatt, Captain A330/340, stellt dieser klar, warum bessere Arbeitsbedingungen für das angestrebte Wachstum notwendig sind und dafür, den Pilotenmangel zu beheben, warum die Forderungen der Piloten letztendlich dem gesamten Personal zugute kommen, dass es nicht sein kann, dass die Gewinne der Swiss nach Deutschland abfliessen, während das hiesige Personal ständig am Limit fährt und dass die Swiss Fehlinformationen über die Forderungen ihrer Piloten verbreitet, um damit in der Öffentlichkeit zu punkten.

Vor allem aber, und das dürfte für sämtliche Passagiere der wichtigste Punkt sein, erläutert Herr Odermatt, warum es für die langfristige Sicherheit der Fliegerei mit Swiss überlebensnotwendig ist, die Arbeitsbedingungen wieder erträglich zu machen. Wer will schon von einem überarbeiteten Piloten geflogen werden? Mehrere Flugzeugabstürze, die auf Übermüdung zurückzuführen sind, sprechen eindeutig dagegen. Es braucht auch deshalb bessere Arbeitsbedingungen.

Herr Odermatt, nach dem Scheitern der GAV-Verhandlungen: Haben Sie zu viel verlangt, sind Ihre Forderungen gar nicht erfüllbar?

„Natürlich sind unsere Forderungen erfüllbar – mit dem soeben veröffentlichten Gewinn von Swiss von über 368 Millionen Franken ist das sicherlich keine Frage. Vergleicht man diesen Gewinn zudem mit dem Gewinn der viel grösseren Lufthansa und vergleicht auch unsere Arbeitsbedingungen mit jenen im Konzern, wird offensichtlich, dass unsere Forderungen wirklich berechtigt sind. Mit dem Verhältnis der Gewinne wird schnell ersichtlich, wieso die Swiss als die Perle der Lufthansa bezeichnet wird.“

Es heisst, sie forderten 45% mehr Lohn und würden damit Wachstum und Arbeitsplätze gefährden. Was sagen Sie dazu?

„Wir haben niemals 45 % mehr Lohn gefordert, diese Zahl ist vom Management erfunden worden um unsere berechtigten Anliegen in ein schlechtes Licht zu rücken. Grundsätzlich geht es nicht einfach um Lohn, sondern es geht um unsere Arbeitsbedingungen. Und da stimmt das Verhältnis zwischen Arbeits-, Erholungs-, Ruhezeit und der Entschädigung bei weitem nicht mehr.“

„In den vergangenen vier Jahren war das Wachstum der Swiss nur dank dem Entgegenkommen von uns Piloten möglich. Nicht umsonst gab es Ferienrückstände von bis zu 30 Mannjahren. Um das Wachstum weiterhin zu ermöglichen braucht es mehr Piloten. Um diese qualifizierten Arbeitskräfte auf dem ausgetrockneten schweizerischen Arbeitsmarkt zu finden, benötigen wir attraktive Arbeitsbedingungen. Mit unseren moderaten Forderungen für attraktive Pilotenjobs wollen wir das Wachstum erst nachhaltig ermöglichen.“

Fühlen Sie sich von der Swiss im Stich gelassen? Immerhin hat man sich mit anderen Verbänden über neue Gesamtarbeitsverträge einigen können.

„Über andere Verbände äussern wir uns nicht und deren Verträge können und wollen wir nicht beurteilen. Die Probleme sind oft auch anders gelagert und die Themen meist sehr komplex und für Aussenstehende kaum nachvollziehbar.“

„Dass wir uns im Stich gelassen fühlen, möchten wir so nicht sagen. Aber wir sind ernüchtert, dass das ausserordentliche Engagement und der Einsatz von uns Piloten aus dem Turnaround in das Wachstum und den Erfolg vom Management nicht halbwegs entsprechend geschätzt und honoriert wird. In den vergangen Jahren haben wir den Stil der deutschen Unternehmensführung kennen gelernt. Die Sozialpartnerschaft und Konzilianz wird nur noch als Aushängeschild in der Öffentlichkeit gebraucht. Im täglichen Umgang mit den Arbeitnehmern zählt dagegen nur das vom Management selber bestimmte betriebliche Bedürfnis. Echte Mitarbeit und Erarbeiten eines gemeinsamen Konsenses, wie dies der schweizerischen Kultur entspricht, sind zu wenig flexibel und nicht mehr gefragt. Wir befürchten, dass damit längerfristig auch die gute schweizerische Arbeitsmoral zerstört wird.“

Wenn die Piloten so viel mehr bekommen, bleibt für den Rest des Personals wenig übrig. Was sagen Sie dazu?

„Das Gegenteil ist der Fall: mit besseren Arbeitsbedingungen findet die Swiss die Piloten, die sie fürs Wachstum braucht, es geht der Firma dann noch besser, und davon wird auch der Rest des Personals profitieren. Unsere Forderungen nützen allen.“

„Wir fordern nur das Notwendige, um den Beruf wieder attraktiv zu machen. Wenn damit die offenen Stellen von geeigneten und nicht einfach von möglichst billigen Piloten besetzt werden können, ist das längerfristig nur zum Wohl aller Angestellten.“

„Und wenn wir schon den Vergleich mit dem übrigen Personal machen: Es gibt wohl keinen anderen Beruf als den des Piloten, bei dem man im Hochlohnland Schweiz deutlich weniger verdient, als im Ausland.“

Die ganze Gesellschaft muss mehr leisten, wieso nicht auch die Piloten?

„Dieser gesellschaftlichen Entwicklung haben sich auch die Piloten nicht entziehen können. Der letzte nicht arbeitende Sunnyboy-Pilot ist wohl Leonardo DiCaprio im Film „Catch Me If You Can“. Leider ist dieses Bild vom Piloten noch in vielen Köpfen. Aber der Film handelt in den 60er Jahren und trifft heute sicher nicht mehr zu.“

„Im Gegenteil: In der Fliegerei ist heute die Arbeitsbelastung des Piloten an vielen Orten derart gestiegen, dass sie an die Grenzen der Gesundheit, des Erträglichen und auch der Sicherheit stösst. Dies wird zwar von der Luftfahrindustrie vehement abgestritten, aber prominente Kenner des Pilotenberufs wie z.B. Kapitän Chesley Sullenberger haben diese Aussage bestätigt.“

„Es gibt einige Flugunfälle, bei denen Fatigue (übermässige Ermüdung) erwiesenermassen eine Rolle gespielt hat. Ich denke an Colgan Air Dash 8 in Buffalo, JetX 737 in Keflavik oder Cathay Pacific 747 in Stockholm.“

„Gesetzlichen Limiten sind eigentlich nie dazu gedacht, dass man sich ständig in deren Grenzbereich bewegt. Leider ist dies bei den Arbeitsbedingungen für Piloten je länger je mehr der Fall. Zum Vergleich: Obwohl es gesetzlich gerade noch erlaubt wäre, findet es niemand sinnvoll, wenn Autofahrer permanent mit 0.5 Promille herumfahren würden.“

Wie viel tragen Freizeitbeschäftigungen zur Übermüdung bei?

„Ein vernünftiges Mass an Freizeitbeschäftigung ist Teil der Erholung in jedem Beruf. Speziell der Beruf des Piloten, wo über längere Zeit im engen Cockpit konzentriert gearbeitet wird, ist ein Ausgleich in der Freizeit nicht unwichtig. Nebst dem Ausgleich gehört zur Erholung natürlich auch eine genügend lange Ruhezeit.“

„Durch die unregelmässigen Arbeitszeiten wird die Planung der Freizeit und speziell des Sozialleben erschwert. Kommen dann über längere Zeit noch häufig Einsatzänderungen hinzu, ist ein ausgeglichenes Freizeit- und Sozialleben fast nicht mehr möglich.“

„Aus diesem Grund haben Piloten in letzter Zeit vermehrt Teilzeitverträge abgeschlos- sen. Damit erreichten sie wenigstens in der arbeitsfreien Zeit stabile Verhältnisse.“

Was nun? Werden Sie streiken?

„Als nächstes werden wir unsere Mitglieder über den Verlauf und den Stand der Verhandlungen orientieren. Ein Streik ist zwar in der Schweiz kein alltägliches, aber trotzdem ein absolut legales Mittel in einem Arbeitskonflikt. Ob wir schlussendlich vom Management dazu gezwungen werden und uns damit mit diesem letzten Mittel zur Wehr setzten müssen, ist zur Zeit noch offen. Vielleicht kennt das Management nach deutschem Beispiel keine andere Sprache. Bei einem Streik gäbe es natürlich Unannehmlichkeiten für die Passagiere. Dies würden wir bedauern, sind aber davon überzeugt, dass bessere Arbeitsbedingungen und ein weiterhin zuverlässiges Pilotenkorps ihnen und ihrer Sicherheit zu Gute kommen.“

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