Verfasst von: aeropersredaktion | 30/03/2011

Ist das Senioritätsprinzip schuld am Pilotenmangel?

Die Nachrichten in den Medien, dass es zu einem Pilotenstreik kommen könnte, veranlasst besorgte Personen, uns zu schreiben. Hin und wieder geht es dabei um Fragen, die sicher eine breitere Öffentlichkeit interessieren, so dass wir unsere Antworten hier veröffentlichen.

Die folgende Antwort bezieht sich auf ein Email, in dem ein besorgter Herr uns vorwarf, es sei „schon unglaublich wie dieser Berufsverband mit ihrem Arbeitgeber umgeht. Stichwort Senioritätsprinzip. Wenn ich mich als erfahrener Pilot bei der Swiss bewerbe (Airbus, Captain), muss ich wieder mit dem Anfangslohn beginnen. Wo gibt es dass, dass z.b. ein Abteilungsleiter bei einem Stellenwechsel mit dem gleichen Lohn wie der Lehrbgänger bezahlt wird. Gleichzeitig jammern die Piloten, dass sie wegen Pilotenmangel zu wenig Ferien beziehen können. Gleichzeitig verliert die Swiss Umsatz wegen Pilotenmangel. Ausserdem werden stellensuchende Piloten arbeitslos. Eine Unglaublichkeit seitens Ihrer Gewerkschaft. Der Wunsch nach einer Lohnerhöhung ist nachvollziehbar. Ich bitte Sie, als Swiss-Kunde hier eine Position einzunehmen, die allen dient. Freundliche Grüsse“

In unserer Antwort nehmen wir zu den einzelnen Punkten Stellung und zeigen auf, dass es beim Senioritätsprinzip nicht um den Schutz von Privilegien Einzelner geht, sondern darum, Konkurrenz unter den Piloten um die nächste Beförderung von vornherein auszuschalten. Dies dient einzig und allein der Flugsicherheit. Das Senioritätsprinzip ist also eine Sicherheitsmassnahme zugunsten der Passagiere und der Airline, weshalb sowohl Arbeitgeber als auch Piloten daran festhalten. Und hier nun unsere Antwort:

Sehr geehrter Herr (Name)

Herzlichen Dank für Ihre Email, die uns aufzeigt, wo es noch Bedarf gibt, unsere Forderungen besser zu erklären. Zum einen möchten wir darauf hinweisen, dass wir uns unserem Arbeitgeber gegenüber immer loyal und korrekt verhalten, und auch die Öffentlichkeit immer korrekt informiert haben. Wenn falsch informiert wurde, und wenn in der Öffentlichkeit falsche Eindrücke vermittelt wurden, dann kann man das sicher nicht uns vorwerfen. Auch kämen wir nie auf die Idee, ein Verhandlungsangebot, das nie wirklich gemacht wurde, in der Öffentlichkeit so darzustellen, wie wenn es wirklich ein Thema gewesen wäre. Wir sind weiterhin stolz auf unsere Airline, allerdings nicht immer auf das Verhalten ihres Managements.

Die von Ihnen aufgeworfene Frage des Senioritätsprinzips ist nicht so einfach, wie es vielleicht scheint. Das Senioritätsprinzip ist zum Beispiel nicht einfach ein Gewerkschaftsprinzip, sondern es wird auch von der Swiss und anderen Airlines gestützt.

Durch das Senioritätsprinzip wird ganz klar die Sicherheit beim Fliegen gefördert. Ein Pilot muss nicht „ellbögeln“, um seine Karriereschritte zu machen. Wenn er dazu die nötigen Voraussetzungen hat, welche bereits beim Auswahlprozess mitberücksichtigt werden, dann kann ein Karriereschritt gemacht werden. Es nützt dabei nichts, sich vorzudrängen oder sogar andere zu mobben oder zu denunzieren. Dies dient der Erhöhung des Sicherheitsstandards in den Cockpits.

Durch das Senioritätsprinzip wird eine langfristige Bindung an das Unternehmen gefördert. Ein ständiges Wechseln der Philosophie und des kulturellen Umfelds fördert die Harmonisierung im Cockpit nicht. Bei einem Bestand von über 900 Piloten ist es selbstverständlich, dass jeden Tag wieder andere Kollegen miteinander fliegen. Dabei ist es wichtig, dass Alle eine ähnliche Grundeinstellung haben. So wird bereits bei der Ausbildung im Swiss Aviation Training die Philosophie der Swiss International Air Lines eingeführt, um eine Harmonisierung zu erreichen. Zu viele Quereinsteiger machen diese Bemühungen wieder zunichte. Bei Wegfallen des Senioritätsprinzips würde ausserdem nicht nur das Neueinstellen sondern auch die Abwanderung begünstigt.

AEROPERS ist, wie auch die Swiss, ganz klar für die Beibehaltung des Senioritätsprinzips. Auf keinen Fall würde damit das heutige Problem des Pilotenmangels gelöst. Es sind nicht so viele Piloten auf dem Arbeitsmarkt, wie benötigt würden. Es braucht deshalb so oder so Neueinsteiger. Hinzu kommt, und das wird häufig unterschlagen, dass es auch viele Aussteiger gibt, und Piloten, die nur noch Teilzeit arbeiten, weil die Arbeitsbedingungen so schlecht sind. Ohne eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen würde selbst eine Aufgabe des Senioritätsprinzips das Problem des Pilotenmangels nicht lösen.

Es führt kein Weg daran vorbei. Die Swiss muss die Arbeitsbedingungen verbessern, um den Beruf wieder attraktiver zu machen, um so den Pilotenmangel zu beheben und dadurch auf Dauer die Zuverlässigkeit und Sicherheit des Flugbetriebs zu gewährleisten. Tut sie das nicht, ist alleine das Management dafür verantwortlich, wenn die Swiss Umsatz verliert, weil sie wegen Pilotenmangels nicht alle Flüge durchführen kann. Wir fordern schon lange, den Beruf wieder attraktiver zu machen. Endlich wieder in das Schweizer Personal zu investieren, würde deshalb allen nutzen, sogar der Lufthansa, wohin die Gewinne abgeführt werden.

Es ist uns darum wirklich unverständlich, warum das Management auf unsere Forderungen nicht eingeht. Vielleicht können Sie auch mal bei dem Management nachfragen? Das wäre der logische nächste Schritt. Vielen Dank.

Wir hoffen, Ihnen hiermit gedient zu haben.

Freundliche Grüsse

Thomas Steffen
Vorstandsmitglied
Pressesprecher
AEROPERS
SwissALPA
(Swiss Air Line Pilots Association)


Responses

  1. […] und uns die Schuld am Pilotenmangel zuzuschieben. Die Swiss behauptete laut 20 Minuten, das Senioritätsprinzip, an dem allein die AEROPERS festhalte, sei am Pilotenmangel schuld. Sie unterschlug, dass auch das […]

  2. Wie sieht es eigentlich heute aus? Dieser Beitrag ist vor vier Jahren geschrieben worden, hat sich seither etwas verändert (positiv und negativ)?


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