Verfasst von: aeropersredaktion | 04/04/2011

Camion-Chauffeure zeigen kein Verständnis für lange Piloten-Arbeitszeiten

Schon am Freitag informierten wir kurz über einen Beitrag der ARD mit dem Titel „Piloten im Sekundenschlaf“ (hier klicken). Darin werden die Pläne der EU kritisiert, die Arbeitszeiten für Piloten zu erhöhen und die Ruhepausen zu verkürzen. Man erfährt, dass Camion-Chauffeure nur 4.5 Stunden am Stück fahren dürfen und maximal 9 Stunden am Tag. Piloten hingegen sollen 16 Stunden arbeiten dürfen (aktuell sind es schon 15) – ohne Pause. Dafür zeigen die Camion-Chauffeure kein Verständnis. „So ein Pilot der hat 100, 200, 300 Leute im Flieger und kann auf eine Stadt abstürzen…“, äussert sich ein Camion-Chaffeur im Interview. Der Beitrag ist für uns aus mehreren Gründen aktuell. Nicht nur, weil die EU Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen plant, sondern auch, weil wir von unserem Arbeitgeber Swiss International Air Lines Verbesserungen der Arbeitsbedingungen verlangen, die für ein dauerhaftes Aufrechterhalten von Zuverlässigkeit und Sicherheit unabdingbar sind.

Der ARD-Beitrag listet Unfälle auf, die auf Schlafmangel – im Fachjargon Fatigue genannt – zurückzuführen sind:

  • Guam, 1997, 228 Tote
  • Little Rock, USA, 1999, 11 Tote, 110 Verletzte
  • Zürich, 2001, 24 Tote, 9 Verletzte
  • Buffalo, USA, 2009, 51 Tote
  • Mangalore, Indien, 2010, 158 Tote

Eine Studie der US-Luftfahrtbehörde ergab, dass Piloten, die länger als 12 Stunden im Dienst waren, häufiger in Unfälle verwickelt waren (siehe Grafik). Die USA haben reagiert. Schon am 1. August treten verschärfte Arbeitszeitregelungen für Piloten in Kraft. Europa hat das Gegenteil vor. Es soll noch länger gearbeitet, und die Nachtdienstzeit soll sogar auf 12 Stunden erhöht werden. In den USA wird die Nachtdienstzeit auf 9 Stunden gesenkt, in Europa senkt man nur eins: die Ruhezeit, und zwar auf nur 7.5 Stunden. Dies, obwohl sich Piloten und Wissenschaftler einig sind, dass das zu Unfällen – und damit Toten – führen wird. Die neuen Regelungen widersprechen allem, was wissenschaftlich darüber nachgewiesen ist, was ein Mensch leisten KANN. Dementsprechend bestätigt ein anonym bleibender Pilot im Interview, dass er während der Hochsaison im Sommer „eigentlich immer im Schlafdefizit“ und bei einer Landung – am Ende eines langen Arbeitstages froh ist, wenn er „das Flugzeug einfach irgendwie zu Boden gebracht“ hat…

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Responses

  1. Zürich, 2001, 24 Tote, 9 Verletzte

    Übermüdung des Captains spielte bei diesem Flugunfall eine Rolle, war aber gemäss meinem Kenntnisstand nicht die Hauptursache und resultierte im Übrigen nicht aus der eigentlichen Piloten-Tätigkeit, sondern aus Nebentätigkeiten. Crossair vernachlässigte damals die Kontrolle solcher Nebentätigkeiten. Wie ist diesbezüglich der Stand heute? Das SWISS-Management polemisierte ja auch schon in diese Richtung, hätte es aber gleichzeitig in der Hand, entsprechende (verschärfte!) Vorschriften zu erlassen und durchzusetzen.

    Dafür ein anderes Beispiel, wenn auch glücklicherweise kein Flugunfall, sondern ein Airprox:

    «Die Flugbesatzung war nach einem langen Nachtflug tendenziell müde.»

    http://www.bfu.admin.ch/common/pdf/airprox/u2091.pdf

    Beiden Beispielen, dem Flugunfall und dem Airprox ist gemeinsam, dass die Zusammenarbeit im Cockpit leider nicht wie vorgesehen funktionierte. Beim Crossair/SWISS-Flugunfall war ja zumindest der F/O nicht übermüdet.

    • Müdigkeit aufgrund von Nebentätigkeiten ist ein Thema, das man sicher nicht vernachlässigen, aber in einem anderen Zusammenhang betrachten muss. (Bei diesen Nebentätigkeiten muss es sich übrigens nicht immer um weitere Verdienstquellen handeln; auch Ehrenämter, Politik und Weiterbildungen sind Nebentätigkeiten.)

      Als AEROPERS wollen wir selbstverständlich ebenfalls, dass Piloten nicht leichtsinnig mit ihrer Freizeit umgehen, sondern Zuverlässigkeit und Sicherheit immer höchste Priorität einräumen.

      Heutzutage ist es jedoch leider so, dass man kaum noch die Möglichkeit bekommt, mit der Erholungs-, Ferien- und Ruhezeit verantwortungsvoll umzugehen, weil uns das Einsatzmanagement dies nicht mehr erlaubt.

      Wenn die Einsatzpläne dauernd kurzfristig geändert werden und Ferien kurzfristig abgesagt werden müssen, dann kann man als Pilot sein Bestes geben, und bekommt doch nicht genügend Schlaf, und Fatigue wird zum immer häufigeren Flugbegleiter. Es ist deshalb Aufgabe des Managements, zuerst einmal Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass auch verantwortungsbewusste Piloten nicht übermüdet fliegen müssen. Erst wenn dieses grundsätzliche Problem gelöst ist, macht es Sinn, sich Massnahmen gegen Verantwortungslosigkeit einzelner schwarzer Schafe – so es sie überhaupt gibt – auszudenken. Und erst dann sind wir auch bereit, darüber zu reden.

      Gerade eben hat 20 Minuten eine neue Studie unserer britischen Kollegen zum Problem veröffentlicht: http://www.20min.ch/news/kreuz_und_quer/story/31147590

      Und hier die Originalmeldung: http://www.balpa.org/News-and-campaigns/News/SHOCK-REPORT-ON-FATIGUED-PILOTS.aspx


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