Verfasst von: aeropersredaktion | 20/05/2011

Offener Brief an die Sonntagszeitung

In der letzten Sonntagszeitung behauptet der stellvertretende Chefredaktor Dominic Geisseler „Auch Swiss-Piloten bekunden Unmut und drohten im März mit einem Streik. Nicht die Arbeitszeiten, sondern die Löhne waren hier das Thema.“ Es ist uns ein Rätsel, wie Herr Geisseler zu dieser Fehlinformation kam. Damit die Öffentlichkeit nicht falsch informiert wird, haben wir ihn in einem offenen Brief darauf hingewiesen, dass die Arbeitsbedingungen – und damit auch die Arbeitszeiten – im Vordergrund stehen, und haben ihn ebenfalls um eine Richtigstellung in der kommenden Ausgabe gebeten. Wir sind gespannt, ob er darauf eingeht. Im folgenden der offene Brief und der entsprechende Artikel aus der Sonntagszeitung.

Offener Brief

Sehr geehrter Herr Geisseler

Mit grossen Interesse haben wir gestern Ihren Artikel „Jammern auf hohem Niveau“ gelesen. Wir waren dann allerdings etwas irritiert, als dort stand, bei den aktuellen GAV-Verhandlungen seien nicht die Arbeitszeiten, sondern die Löhne das Thema. Nun fragen wir uns, wie es zu dieser Fehlinformation kommen konnte.

Wie wir bereits in mehreren Medienmitteilungen veröffentlicht haben, geht es uns vor allem um die Arbeitszeiten, und in diesem Zusammenhang auch um Zuverlässigkeit und Sicherheit. Das starke Wachstum der Swiss in den letzten Jahren war nur möglich, weil wir Piloten – wie auch das übrige Personal – Überstunden und Einsatzpläne in Kauf nahmen, die es uns immer schwieriger machten, Erholungsphasen und Familienleben zu planen. Für eine Zeit lang geht das, aber auf Dauer lässt sich so ein zuverlässiger und sicherer Flugbetrieb nicht  aufrecht erhalten. In den letzten Jahren haben sich 10’000 Tage nicht bezogener Ferien angehäuft, was ca. 30 Personenjahren entspricht.

Wie Sie auf unserem Blog lesen können, gewinnt auch international das Thema Fatigue immer mehr Gewicht. Übermüdung von Piloten wird in mehreren Fällen für Flugzeugabstürze verantwortlich gemacht, und so manche kritische Situation wäre nach Einschätzung der jeweiligen Piloten nicht mehr glimpflich ausgegangen, wären die Piloten nicht genügend ausgeruht gewesen. Am deutlichsten spricht dies Captain Chesley „Sully“ Sullenberger aus, der so genannte Held vom Hudson River (https://pilotsofswiss.wordpress.com/2011/04/29/captain-chesley-sully-sullenberger-zum-thema-fatigue-unsere-passagiere-haben-besseres-verdient)

Bei unserem Arbeitgeber stossen wir aber leider auf taube Ohren. Dort bestellt man für 3 Milliarden neue Flugzeuge, kann aber die Frage nicht zufriedenstellend beantworten, wer diese denn fliegen soll, bzw. wie man den chronischen Pilotenmangel beheben kann. Dies obwohl die Swiss wegen Piotenmangel schon jetzt Flüge streichen muss. Um den Pilotenmangel zu beheben, müsste man einerseits neue Piloten einstellen und andererseits verhindern, dass jetzige Piloten ausgebrannt in ein Arbeitsverhältnis mit reduzierter Arbeitszeit flüchten. Beides gelingt der Swiss nicht in genügendem Masse. Die heutigen Neuzugänge werden nur schon dazu benötigt, das ehrgeizige Wachstum halbwegs zu verkraften. Es reicht aber nicht aus, um die Arbeitsbedingungen der Piloten zu verbessern, um ein Umfeld für einen zuverlässigen und sicheren Flugbetrieb auf Dauer herzustellen. Es wird sich also nichts ändern, wenn wir unseren Forderungen kein Gehör verschaffen können.

Um mehr Piloten ausbilden und von Arbeitszeitreduktion abhalten zu können, müssen die Arbeitsbedingungen deutlich verbessert werden. In diesem Zusammenhang spielt in der Tat auch der Lohn eine Rolle, aber keine Hauptrolle, da man mit Geld weder Erholung noch ein gesundes Familienleben ersetzen kann. Viel wichtiger sind da die Arbeitsbedingungen, wie zuverlässige Einsatzpläne, ausreichend Erholungsphasen, Beschränkung der Flugstunden pro Tag, usw. All dies kostet natürlich Geld, ist aber nicht unbezahlbar, wenn man auch nur einen Bruchteil der Investitionen in das Personal investiert, anstatt es an den Konzern Lufthanse abzuliefern. Die Swiss ist eine Schweizer Erfolgsgeschichte, auf die wir alle stolz sein können. Nun müssen wir dafür sorgen, dass das auch in Zukunft so bleibt, und das Zuverlässigkeit und Sicherheit oberste Priorität haben. Darum geht es uns. Es würde uns freuen, wenn Sie dies in der zukünftigen Berichterstattung so schildern würden. Ebenso möchten wir Sie um eine Richtigstellung in der Ausgabe vom kommenden Sonntag bitten.

Freundliche Grüsse

Rolf Odermatt
Präsident AEROPERS / SwissALPA

Sonntagszeitung:

Jammern auf hohem Niveau

Warum die sich häufenden Streikdrohungen in der Schweiz weitum auf Unverständnis stossen

Wenn die Stadt Zürich bis kommenden Donnerstag nicht auf die Forderungen der Trämler und Buschauffeure eingeht, soll gestreikt werden. Dann wollen Hunderte von VBZ-Angestellten ihre Arbeit niederlegen, Tram- und Busdepots versperren und den Verkehr in der grössten Stadt der Schweiz zum Erliegen bringen.

Im Gegensatz zur massiven Drohung sind die Forderungen der Chauffeure allerdings eher bescheiden. Konkret verlangen sie eine bezahlte Pause von 14 Minuten, die 40-Stunden-Woche (bisher 41 Stunden) sowie eine Verbesserung des Betriebsklimas.

Doch es wird kaum zum befürchteten Horror-Szenario mit einer Invasion von Autofahrern und gestrandeten Passagieren kommen. Denn erstens zeigt sich der Stadtrat grundsätzlich gesprächsbereit, zweitens ist es nur eine Minderheit der Chauffeure, die überhaupt an eine solche Kampfmassnahme denkt, und drittens geht es hier nicht um gebeutelte Arbeitnehmer, die zum letzten Mittel greifen.

Streikdrohungen sind in letzter Zeit populär geworden. Gemeinsam ist ihnen, dass die Gewerkschaften relativ harmlose Ziele erzwingen wollen und sich die Gegenseite sehr schnell kompromissbereit zeigt.

Wie etwa beim Streik der Zürcher Polizei vor ein paar Wochen. Wegen Überbelastung drohte der Polizeibeamtenverband (PBV), drei Monate lang für kleinere Delikte keine Bussen mehr auszustellen. Ähnliche Streiks gab es in letzter Zeit bereits in Bern und Genf. Die bussenfreie Zeit in Zürich dauerte dann allerdings gerade mal einen Tag. Statt auf die Missstände aufmerksam zu machen, führte die Aktion zum Schmunzeln im In- und Ausland und wurde zum Freudentag für Karikaturisten und Autofahrer.

Aber nicht nur Chauffeure und Polizisten fühlen sich nicht wohl bei der Arbeit. Auch Swiss-Piloten bekunden Unmut und drohten im März mit einem Streik. Nicht die Arbeitszeiten, sondern die Löhne waren hier das Thema. Es gehe nicht, dass die hohen Gewinne nach Deutschland an die Lufthansa abflössen, während Schweizer Piloten nicht branchengerechte Löhne erhalten würden, hiess es von der Gewerkschaft Aeropers. Und auch das Personal des Uni-Spitals Zürich erwägt einen Streik, um gegen den angekündigten Stellenabbau des Kantons vorzugehen.

Piloten, Chauffeure, Polizisten, Krankenschwestern – sie alle kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen. Das ist verständlich. Und legal. Gemäss Bundesverfassung gibt es für Staatsangestellte ein Streikrecht, wenn keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung besteht. Aber ist es auch legitim, für 14 Minuten Pausenzeit, für mehr Lohn – bei einem Durchschnittseinkommen von 80 000 Franken – oder für ein besseres Arbeitsklima auf die Strasse zu gehen?

Ein VBZ-Angestellter sagte im «Tages-Anzeiger», der Job sei «Gift fürs Sozialleben». Zuerst vier Stunden fahren, dann sechs Stunden Pause, dann wieder vier Stunden fahren. Aber Hand aufs Herz: Sind solche Arbeitsbedingungen – bei einer 41-Stunden-Woche – tatsächlich unzumutbar? Leiden nicht auch Bäcker, wenn sie täglich frühmorgens in der Backstube stehen? Und müssten nicht auch Köche für kühlere Arbeitsplätze auf die Barrikade gehen?

Der Arbeitsdruck hat zugenommen, das ist richtig. Und die Unsicherheit bei Zürichs Tram- und Buschauffeuren ist grösser geworden, seit bekannt ist, dass im nächsten Jahr die Konzession für sämtliche Buslinien der VBZ ausläuft und private, günstigere Anbieter in den Markt drängen werden. Dass jetzt auf einem GAV beharrt wird, ist begreiflich. Es braucht die Gewerkschaften, und es braucht Gesamtarbeitsverträge. Aber jede Woche ein Mini-Streik ist nicht die richtige Antwort darauf.

Vielleicht wäre es wirkungsvoller, wenn Zürichs Chauffeure mit etwas mehr Freundlichkeit für Verständnis bei der Bevölkerung sorgen würden, statt mit der Drohung, eine ganze Stadt lahmzulegen.

Dominic Geisseler
Stv. Chefredaktor


Responses

  1. … abgesehen davon unterliegt Herr Geisseler einem Denkfehler: Als Arbeitnehmer sollte er sich nicht über andere mokieren, deren Arbeitsbedingungen er als komfortabel empfindet. Verbesserungen sind immer möglich, aber nur, wenn man sich an besseren statt schlechten Arbeitsbedingungen orientiert, und nur, wenn man sich als Arbeitnehmer organisiert. Mit seinem Artikel schreibt Herr Geisseler gegen die eigenen Interessen als Arbeitnehmer.


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