Verfasst von: aeropersredaktion | 17/11/2011

Zuverlässigkeit und Sicherheit im kantonalen Abstimmungskampf

Zuverlässigkeit und Sicherheit – das sind die Werte, die wir uns als Piloten auf die Fahnen geschrieben haben. Letztendlich dreht sich in unserem Beruf alles um die Frage, wie wir diese beiden Werte wo möglich noch steigern, mindestens aber möglichst gut einhalten können. Auch im aktuellen Abstimmungskampf um den Flughafen Zürich gilt under Hauptaugenmerk der Zuverlässigkeit und Sicherheit – mit der die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger informiert werden. Auf Seiten der Flughafengegner – und Vorlagen-Befürworter – nimmt man es dabei leider nicht so ernst. Da wird zum Beispiel kommuniziert, die Kapazitätsgrenze des Pistensystems liege bei 350’000 Flugbewegungen, also gebe es angesichts der jetzigen 270’000 Flugbewegungen noch grossen Spielraum. Dass stimmt jedoch nicht. Fakt ist, dass die 350’000 Flugbewegungen über den ganzen Tag verteilt werden müssten, um so zu gelten. Bei einem Hub, bei dem es ja auch ums Umsteigen geht, kommen die Flugzeuge aber in Wellen, möglichst viele möglichst nahe beieinander. Es gibt also  Spitzenzeiten, zu denen mehr los ist und andere, zu denen weniger los ist. So kann ein Flughafen seine Kapazitätsgrenze deshalb zu Spitzenzeiten erreichen, während er während der ruhigeren Phasen weit von der Auslastung entfernt ist! Dennoch sind nicht mehr Flüge möglich, es sei denn, man will die Passagiere stundenlang warten lassen. Es kommt also sehr darauf an, wie man die Zahlen interpretiert.

Bei der Beobachtung der täglichen Medienberichterstattung sind uns die folgenden beiden Artikel ins Auge gestochen, die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten. Die Weltwoche beschreibt, wie der Fluglärm ständig abnimmt, was ja auch unser Thema ist (Link). Und die Limmattaler Zeitung plädiert für 2xNein, damit der Lärm auch weiterhin reduziert werden kann.

Kloten: Fluglärm nimmt ab

Die Weltwoche; 17.11.2011; Ausgaben-Nr. 46; Seite 36 Geschichten

Stopp dem Fluglärm – mit dieser Devise soll der weitere Ausbau des Flughafens Zürich blockiert ­werden. Die Gegner des Luftverkehrs unterschlagen im Abstimmungskampf, dass Flugzeuge immer ­leiser ­werden und die Lärmbelastung um die Pisten deutlich zurückgegangen ist. Von Alex Reichmuth

Von Alex Reichmuth
Am 27. November stimmt der Kanton Zürich zum dritten Mal innert vier Jahren über Einschränkungen für seinen Flughafen ab. 2007 schickte das Volk eine Initiative bachab, die die Zahl der Flugbewegungen beschränken wollte. Vor zwei Jahren sagte es nein zu einer Vorlage, die Vorschriften über die regionale Verteilung von Starts und Landungen machen wollte. Jetzt muss das Stimmvolk über zwei weitere Begehren befinden, die den Flugverkehr beschränken wollen: Die Initiative von 42 Gemeinden im Osten, Westen und Norden des Flughafens verlangt, dass in Kloten keine Pisten mehr ausgebaut oder neu erstellt werden dürfen. Ein Gegenvorschlag des Vereins «Flugschneise Süd – Nein» will neben einem Pistenausbau auch Südanflüge verhindern und ein Vetorecht des Kantons bei der Flug­hafen Zürich AG durchsetzen.

Der Urnengang ist von nationaler Bedeutung, weil namhafte Teile der Schweizer Wirtschaft auf einen leistungsstarken Flughafen Zürich angewiesen sind. Entsprechend diskutieren schweizweit bekannte Persönlichkeiten mit: Während alt Bundesrat Moritz Leuenberger sich gegen einen Ausbaustopp ausgesprochen und damit viele Parteigenossen in der SP verärgert hat, tritt der angeblich liberale Martin Bäumle von der GLP für ein Ja ein.

Die Gegner eines Flughafen-Ausbaus sehen sich als Vorkämpfer gegen immer mehr Lärm. «Die einzige Lösung, um sich vor mehr Fluglärm zu schützen, ist ein Ja zur Flughafen-Initiative», so warb Marlies Bänziger, Präsidentin des Schweizerischen Schutzverbandes gegen Flugemissionen und inzwischen abgewählte grüne Nationalrätin, für den Ausbau-Stopp. «Wir setzen uns aktiv gegen eine Pistenverlängerung des Flughafens und gegen mehr Fluglärm ein», versprechen zum Beispiel die Grünen der Anwohnergemeinde Bülach auf ihrer Website. «Mehr Flugverkehr hat auch mehr Fluglärm zur Folge», lautet die Logik des Bündnisses für eine nachhaltige Flughafenentwicklung. Doch die Flughafengegner unterschlagen die Tatsachen. Denn trotz immer mehr Flugbewegungen nimmt die Lärmbelastung am Flughafen Zürich ab.

Heutige Passagierflugzeuge sind, verglichen mit denjenigen der 1950er Jahre, um etwa 20 bis 30 Dezibel leiser. Sie verursachen damit noch ein Achtel bis ein Viertel so viel Lärm. Eindrücklich sind zum Beispiel die Fortschritte der Boeing 737: In den 1980er Jahren war die Fläche, die beim Start einer Boeing 737 mit 85 Dezibel beschallt wurde, noch durchschnittlich 9,1 Quadratkilometer gross. Beim weiterentwickelten Modell, das ab 1998 im Einsatz war, waren es gerade noch 1,3 Quadratkilometer, also 85 Prozent weniger. Auch die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO) bestätigte 2007 in einem Umweltbericht zum Flugverkehr: Moderne Flugzeuge sind etwa um drei Viertel weniger laut als vor vierzig Jahren. Allein zwischen 2000 und 2006 hat die Zahl der Menschen, die weltweit wegen des Flugverkehrs durchschnittlich mit mindestens 65 Dezibel beschallt werden, um fast ein Drittel abgenommen. Der Grund sind technische Innovationen: leisere Triebwerke, bessere Aerodynamik, moderne Technologien wie ­Gegenschall und Wirbelgeneratoren.

Anderthalbmal so viele Flugbewegungen

Weil am Flughafen Zürich die Flotte nach und nach durch leisere Maschinen ersetzt wurde, ist auch hier der Lärm stark zurückgegangen. In den letzten 25 Jahren zum Beispiel hat der Lärmteppich tagsüber um zwei Drittel abgenommen. In die Berechnung dieses Lärmteppichs fliesst neben der Lautstärke von Flugzeugen auch die Zahl der Flugbewegungen ein. Die Grafik (unten) zeigt, wie stark sich die Fläche, die tagsüber mit durchschnittlich 60 Dezibel beschallt wird, seit 1987 reduziert hat. Der Lärm hat so stark abgenommen, obwohl heute am Flughafen Zürich fast anderthalbmal so viele Flugbewegungen registriert werden als 1987 und die Zahl der abgefertigten Fluggäste sogar mehr als doppelt so gross ist.

Und ein Ende der Beruhigung ist nicht absehbar. Die Entwicklung immer leiserer Flugzeuge schreitet voran. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt prognostiziert, dass der Lärm von Flugzeugen in den nächsten zwei Jahrzehnten um weitere zehn bis zwölf Dezibel abnimmt. Zehn Dezibel weniger bedeuten halb so viel Lärm. Immer raffinierter werden lästige Geräusche bekämpft: Die Ingenieure verändern die Form der Düsen, des Flugzeugrumpfes und der Flügel, um Pfeif­geräusche zu verhindern. Sie versiegeln Löcher und beheben Unebenheiten, die die Aerodynamik beeinträchtigen. Sie entwickeln Triebwerke mit grossem Nebenstrom, was die Lärm­emissionen weiter reduziert.

Diese Entwicklung zeigt sich auch bei der Swiss. Ab 2014 will die Schweizer Fluggesellschaft ein neues Modell der Flugzeugfamilie «CSeries» von Bombardier einsetzen. Dieses ist, verglichen mit den heutigen Flugzeugen der Serie «Avro», um 10 bis 15 Dezibel weniger laut. Auch wenn das Zürcher Stimmvolk die beiden Vorlagen ablehnt, wird die Forderung «weniger Fluglärm» wohl Realität werden.

 

Der Flughafen muss die Lärmsituation verbessern dürfen
Limmattaler Zeitung / MLZ; 16.11.2011; Seite 11
Leitartikel zur Abstimmung über ein Pistenausbauverbot für den Flughafen Zürich am 27. November
Matthias Scharrer

Soll das Pistensystem des Flughafens Zürich unveränderlich sein? Darüber entscheiden die Stimmberechtigten im Kanton Zürich am 27. November. Die zur Abstimmung kommende Behördeninitiative – eingereicht von 42 Gemeinden im Osten, Norden und Westen des Flughafens – verlangt ein Verbot von Pistenaus- und -neubauten.

Der Gegenvorschlag des Vereins Flugschneise Süd – Nein will dasselbe und fordert darüber hinaus ein Verbot neuer Flugrouten. Wobei als neu gilt, was seit dem Jahr 2000 eingeführt wurde, also primär die Südanflüge. Ausserdem soll gemäss Gegenvorschlag der Bau von Schnellabrollwegen verboten werden, mit denen sich der Flugbetrieb effizienter gestalten liesse. Und: Volk und Kantonsrat sollen mehr Mitsprache erhalten, wenn der Flughafen lärmrelevante Veränderungen plant.

Die Hauptstossrichtung von Initiative und Gegenvorschlag geht dahin, dem Flughafen für die künftige Entwicklung ein starres Korsett vorzuschreiben: Status quo respektive Status quo minus Südanflüge. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist? Gewiss, die Angst vor mehr Fluglärm in bisher weniger belasteten Gebieten ist berechtigt. Ebenso die Skepsis gegenüber möglichen Kapazitätssteigerungen.

Doch der Flughafen muss die Lärmsituation verbessern dürfen. Dazu können auch Veränderungen am Pistensystem beitragen. Im Rahmen seiner Arbeit am Sachplan Infrastruktur Luftverkehr (SIL) hat der Bund zahlreiche Varianten für ein neues Flughafen-Betriebssystem durchrechnen lassen. Von den drei Varianten, die noch im SIL-Schlussbericht enthalten sind, belästigt diejenige am wenigsten Menschen mit Fluglärm, die Verlängerungen der Piste 28 nach Westen und der Piste 32 nach Nordwesten vorsieht. Nächstes Jahr will der Bund darüber entscheiden. Es wäre absurd, ausgerechnet diese Variante zu verbieten.

Grundsätzlich gilt: Veränderungen können auch Verbesserungen bringen. Sie von vornherein auszuschliessen, ist daher unsinnig. Zumal der Flughafen mit einem doppelten Nein am 27. November noch lange keinen Freipass zum Wildwuchs erhält. Schon nach dem geltenden Zürcher Flughafengesetz sind Veränderungen am Pistensystem nur zulässig, wenn die kantonal Stimmberechtigten sie gutheissen.

Planungssicherheit ist das Hauptargument der Befürworter der Behördeninitiative. Die Gemeinden rund um den Flughafen wollen zu Recht wissen, worauf sie sich punkto Fluglärm in den kommenden Jahrzehnten einzustellen haben. Denn

das Bevölkerungswachstum in der Flughafenregion macht Neubauten nötig. Und damit verbunden sind beträchtliche privatwirtschaftliche und öffentliche Investitionen.

Auch ohne Verbot von Pistenausbauten ist Planungssicherheit gegeben: auf Bundesebene via SIL, auf kantonaler Ebene durch den Richtplan. Beide Regelwerke legen fest, welche Gebiete wie stark beschallt werden dürfen.

Die Volksvertreter gaben in der nun zur Abstimmung kommenden Flughafenfrage widersprüchliche Signale: Die Mehrheit des Zürcher Kantonsrats stimmte der Behördeninitiative zu und lehnte den Gegenvorschlag ab. Der Regierungsrat sagt zu beidem Nein. Auffällig ist, dass es im links-grünen Lager, das für Behördeninitiative und Gegenvorschlag plädiert, prominente SP-Abweichler gibt: alt Bundesrat Moritz Leuenberger etwa, aber auch Zürichs alt Stadtpräsident Elmar Ledergerber und seine Nachfolgerin Corine Mauch. Sie als in Fluglärmfragen unsensibel zu bezeichnen, zielte an der Realität vorbei. Es ist die Sorge um die Verbesserungsmöglichkeit einer Infrastruktur von nationaler und regionaler Bedeutung, die sie antreibt.

Mit einem doppelten Nein erhält der Flughafen keinen Freipass zum Wildwuchs.


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