Verfasst von: aeropersredaktion | 17/01/2012

Berglaufmeister und Sumpfkönig

Schweizer Meister im Berglauf, «Strongman» und Sieger des Flughafenlaufs – die Erfolgsliste des First Officers Christian Mathys ist noch viel länger. Die «Rundschau» hat den schnellen Airbus-Piloten zwischen zwei Trainings befragt.

Interview: Peter Tilly (aus der aktuellen Rundschau)

Eine charmante Layouterin innerhalb des «Rundschau»-Teams hat mir anlässlich des Redaktionsfests mit einem Augenzwinkern vorgeworfen, dass ich meine Interviews nur wegen der dazugehörigen Mahlzeiten mache. Ich wollte ihr das Gegenteil beweisen, und Christian Mathys gab mir den Steilpass dazu. Mit seinem Schweizer-Meister-Titel im Berglauf und den unzähligen Siegen an Stadtund Strassenläufen beeindruckte er das «Rundschau»-Team. Da ich vor 21 Jahren und der gleichen Anzahl Kilogramm einmal den Alpine-Marathon in Davos absolviert habe, schien ich prädestiniert dazu, den quirligen Kollegen zu befragen. Der ursprüngliche Plan war, das Interview im leichten Laufschritt zu absolvieren. Nach der Recherchearbeit entschied ich mich, ein schriftliches Interview zu führen. Die Layouterin hatte recht …

«Rundschau»: Herzliche Gratulation zum Schweizer-Meister-Titel! War der Berglauftitel 2011 Dein erster in Deiner Karriere?

Christian Mathys: Vielen Dank! Im Orientierungslauf (OL) konnte ich schon 13 Mal einen solchen Erfolg feiern. Darunter neun Titel in Einzelwettkämpfen und vier davon im Team. Diese Siege errang ich in meiner Jugendund Juniorenzeit, also nicht in der Elite-Kategorie. Der jetzige Erfolg ist somit der erste, der alle Alterskategorien einschliesst, und ist deshalb eine Premiere für mich. Es war auch mein erster Meistertitel ausserhalb des Orientierungslaufs.

«RS»: Bei der Recherche für diesen Artikel habe ich das Streckenprofil des Belchenlaufs, der dieses Jahr als Meisterschaftsstrecke diente, eingehend studiert. Der Start ist mitten in Olten auf 420 Metern über Meer und das Ziel in Allerheiligenberg auf 880 Metern Höhe. Dazwischen gilt es noch den Belchen zu überwinden, dessen höchster Punkt fast 1100 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Man kann getrost von einem Bergund Tallauf reden. Liegt Dir das?

C.M.: Ja, das hat mir an der Schweizer Meisterschaft (SM) auch zum Sieg verholfen. In der konstanten Steigung auf den ersten 5,5 Kilometern duellierte ich mich noch mit dem späteren Zweitplatzierten. Doch als es dann bergab ging, konnte ich wegziehen. Unwegsames Gelände liegt mir sehr, vor allem, wenn es dazu noch bergab geht. An der diesjährigen Berglauf-SM war also ein Allrounder gefragt. Das Anforderungsprofil war an diesem Tag wie auf mich zugeschnitten.

«RS»: Du bist jetzt Schweizer Meister, erscheinst aber auf keiner Kaderliste des Schweizerischen Leichtathletikverbands. Verzichtest Du bewusst auf internationale Wettkämpfe im Schweizer Trikot oder fristet der Berglauf ein Stiefmutterdasein innerhalb des Verbands?

C.M.: Die Schweiz an internationalen Wettkämpfen zu vertreten wäre super. Dafür müsste ich zuerst selektioniert werden. Da 2011 mein erstes wirklich erfolgreiches Jahr im Laufsport ist, sehe ich der Zukunft gelassen entgegen. Die internationalen Wettkämpfe, und hoffentlich auch Resultate, kommen sicherlich bald. In meiner Juniorenzeit war ich bereits im OL-Nationalkader und nahm auch an internationalen Titelkämpfen teil. Damals konnte ich mit dem Sieg am Sprint-Junioren-Europacup in London mein bestes Resultat im Orientierungslauf feiern.

«RS»: Dich als reinen Berglaufspeziallisten zu betiteln würde Deinen Resultaten in den vergangenen Jahren nicht gerecht werden. Du beendest Strassenläufe in den vordersten Rängen, läufst sowohl Langdistanzals auch Kurzdistanz-OL und betätigst Dich auf der Panzerpiste Thun als Spezialist für unwegsames Gelände. In welcher Disziplin siehst Du bei Dir das grösste Potenzial?

C.M.: Gute Frage. Ich würde sagen, am ehesten bei Spezialwettkämpfen wie dem «Fisherman’s Friend StrongmanRun». Doch ist dieser leider weder olympisch, noch wüsste ich von offiziellen Schweizer oder Weltmeisterschaften. In meiner zweiten Wahl, dem Sprint-OL, werden immerhin schon Weltmeisterschaften ausgetragen. Diese finden meist in urbanem Gelände statt und verlangen läuferische Höchstleistungen. Der Sprint-OL führt in der Regel über eine Distanz von ungefähr fünf Kilometern. Mit meiner kürzlich gelaufenen Bestzeit über fünf Kilometer (14:47 Minuten) befinde ich mich im Bereich der OL-Weltbesten.

Ja, dieser «Fisherman’s Friend StrongmanRun»… Natürlich bin ich beim Recherchieren für diesen Artikel auf den abenteuerlichen Lauf gestossen. Zuoberst auf der Rangliste 2011 erschien der Name Christian Mathys. Ob es sich beim Sieger um «unseren» Christian handelte, erkannte ich auf dem Siegerbild nicht auf den ersten Blick. Ein komplett verschmutzter junger Mann lächelte in die Kamera und wirkte kaum erschöpft. Eigentlich ein Wunder, denn Christian absolvierte einen 16 Kilometer langen Parcours auf der Panzerpiste in Thun, der die Kampfbahn in der Grenadierschule in Isone wie einen Sonntagsspaziergang aussehen lässt. Bilder und Videos können unter strongmanrun.ch betrachtet werden.

«RS»: Zurück zu Thun. Den Schweizer-Meister-Titel im Berglauf haben schon viele vor Dir gewonnen, Strongman dürfen sich in der Schweiz nur zwei Personen nennen. Was hat für Dich einen höheren Stellenwert und was hat mehr Spass gemacht?

C.M.: Für mich hat der Schweizer-Meister-Titel den höheren Stellenwert, weil es sich um eine offizielle Meisterschaft handelt. Der Fisherman’s Friend StrongmanRun hat grossen Spass gemacht, doch an das unbeschreibliche Gefühl, das ich gegen Ende der Berglauf-SM verspürte, kommt der Sieg in Thun nicht heran.

«RS»: Beim Fisherman’s Friend StrongmanRun 2011 hast Du während 16 Kilometern 40 Hindernisse überund unterquert, dabei viel Dreck geschluckt und Bekanntschaft mit Streckenteilen wie dem «Moskito Valley», der «Eigernordwand» und dem «Jungle» gemacht. Trotzdem komme ich, wenn ich richtig gerechnet habe, auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 4:14 Minuten pro Kilometer. Das scheint mir fast übermenschlich!

C.M.: Ja, das ist schnell, deshalb habe ich auch gewonnen (lacht). Mein Erfolgsrezept war, das Tempo an den Hindernissen den Umständen entsprechend möglichst hoch zu halten. Meine Taktik funktionierte recht gut, doch bei den Wasserhindernissen hatte ich meine Mühe. Auf der ersten Runde versank ich beinahe in den «Everglades», beim zweiten Rundendurchgang wählte ich zum Glück die bessere, jedoch schmutzigere Route durch den Sumpf statt durchs Wasser. Allerdings ist bei solchen Spezialläufen bei der Berechnung des Kilometerschnitts Vorsicht geboten. Denn meistens sind die Strecken nicht auf den Meter genau ausgemessen. So rapportierte zum Beispiel die GPS-Uhr meines Kollegen eine Distanz von 16,4 Kilometern.

«RS»: Solche Grenzläufe fordern ihren Tribut. Der Körper kann so eine Leistung nicht von heute auf morgen verdauen. Trotzdem bist Du eine Woche später an den Strassenlaufmeisterschaften über 10 Kilometer gestartet und hast in der Elite-Kategorie den 9. Platz erreicht. Fehlte Dir bei diesem Titelrennen nicht die Spritzigkeit?

C.M.: Man sieht, ich werde hier von einem Kenner interviewt. An der 10-Kilometer-Schweizer-Meisterschaft hatte ich mir definitiv mehr erhofft. Vor allem die Zeit entsprach nicht den Trainingsresultaten. Diesem Risiko war ich mir im Vorfeld bewusst. Aber im Nachhinein bin ich froh, am Fisherman’s Friend StrongmanRun teilgenommen zu haben.

«RS»: Wenn ich mich im Spiegel betrachte, sehe ich den Beweis, dass nicht jeder die richtigen Gene zum Hochleistungsläufer hat. Du scheinst in dieser Beziehung familiär belastet zu sein. Deine Mutter war im Orientierungslauf national und international erfolgreich, Deine Schwester erscheint auf der Kaderliste des Schweizerischen OL-Verband und Dein Bruder gab sich am Greifenseelauf 2009 nur von Christian Belz geschlagen. Wer mit so viel Talent gesegnet ist, hat sicher hochgesteckte Ziele. Was hast Du Dir für die Zukunft noch alles vorgenommen?

C.M.: Zuerst einmal möchte ich meine persönlichen Bestzeiten verbessern. Eine Medaille an internationalen Titelkämpfen ist und bleibt mein Ziel, die Disziplin lasse ich noch offen. An Spezialwettkämpfen ganz vorne dabei zu sein bleibt jedoch weiterhin ein Ziel. Auch Ausgefallenes habe ich noch vor. Im Dezember versuchen wir mit einem Zwölferteam den Weltrekord im 24-Stunden-Dauerlauf auf einem Laufband zu knacken. Dabei muss jeder Läufer in «seiner Schicht» im Schnitt etwa 36 Kilometer zurücklegen.

«RS»: Talent alleine genügt nicht. Es steckt auch unglaublich viel und hartes Training dahinter. Seit ich auf der Kurzstrecke fliege, bin ich froh, dass ich ein minimales Sportpensum absol-

vieren kann. Wie bringst Du Flugpläne, Wettkämpfe und Trainings aneinander vorbei?

C.M.: Leider gehen die Wettkämpfe und der Flugplan nicht immer wunschgemäss aneinander vorbei. Es ist schwierig, für alle meine Wettkämpfe frei zu erhalten, denn diese finden grösstenteils an Wochenenden statt. Deshalb muss ich für die wichtigsten Anlässe jeweils vier Tage Ferien eingeben. Mit den Trainings funktioniert es besser. Die Arbeit im Cockpit ist zum Glück nicht laktatbildender, sondern mentaler Natur. Somit ergänzen sich

die Lauftrainings und die Arbeit zu einer harmonierenden Einheit. Des Weiteren versuche ich meine Zeit möglichst zu optimieren. Ich wohne zum Beispiel nur gerade fünf Minuten vom Flughafen entfernt. So kann ich auch während des Reservedienstes ein Lauftraining absolvieren.

«RS»: Im Trainingsbereich arbeitest Du mit RunningCoach.ch zusammen. Hinter RunningCoach.ch stehen Markus Ryffel, Christian Belz und Viktor Röthlin. Inwiefern können Dir die ehemaligen und aktiven Spitzenathleten helfen, Dein Training mit diesen schwierigen Rahmenbedingungen zu optimieren?

C.M.: RunningCoach.ch zeigt mir auf, welche Trainings wirklich lohnend sind und in welcher Geschwindigkeit ich diese absolvieren muss. Somit verschwende ich nicht meine Zeit mit «falschen» Trainings. Ich denke RunningCoach.ch und der Kauf einer GPS-Uhr haben mir diese gewaltige Leistungsentwicklung im laufenden Jahr ermöglicht.

«RS»: Du bist schneller als die meisten, steigst praktisch lautlos, hinterlässt einen kleinen CO2-Fussabdruck, lässt, wenn Du bis zum Hals im Dreck steckst, den Kopf nicht hängen und lächelst stets dazu. Kurz: Du wärst der ideale Botschafter unserer Swiss! Konntest Du unseren Arbeitgeber schon als Sponsor gewinnen?

C.M.: Seit ich bei der Swiss angestellt bin, hatte ich bisher leider zu wenig Unterstützungswürdiges vorzuweisen. So war ich zum Beispiel nur bis zum Beginn der Pilotenausbildung im Junioren-OL-Nationalkader. Erst in diesem Jahr bin ich endlich wieder an die Schweizer Spitze zurückgekehrt, wenn auch in einer anderen Sportart. Um zur Frage zurückzukehren: Meine Sponsoring-Anfrage ist bei der Swiss in Bearbeitung.

«RS»: Christian, ich danke Dir ganz herzlich für das Interview und freue mich sowohl auf neue Siegerbilder von Dir als auch auf gemeinsame Flüge. Wir drücken Dir die Daumen für Deine nächsten Läufe!

C.M.: Vielen Dank. Es freut mich, dass mein sportliches Engagement in der «Rundschau» gewürdigt wird.

Nach dem Interview ziehe ich mit schlechtem Gewissen die Laufschuhe an und jogge meine Standardrunde im Wald hinter unserer Wohnung. Ganze 6,4 Kilometer und 180 Höhenmeter. Bis anhin war ich stolz, in 46 Minuten wieder zu Hause zu sein.

Heute weiss ich, dass ich am Fisherman’s Friend StrongmanRun in Thun von Christian überrundet worden wäre. Ich kaufe mir jetzt Stöcke, ich sattle um auf Nordic Walking …

Christian Mathys ist Jahrgang 1987 und in Büetigen bei Biel aufgewachsen. Nach der Matura studierte er zwei Jahre Mathematik und Physik an der Universität Bern. Als Absolvent des Pilotenkurses 1/08 trat er im Juli 2009 in die Swiss ein und fliegt zurzeit als First Officer auf der A320-Flotte. Christian ist mit den Laufschuhen auf die Welt gekommen und feierte die ersten grossen nationalen und internationalen Erfolge im Orientierungslauf. Heute trifft man Christian an verschiedensten Laufveranstaltungen auf den vordersten Positionen an. Seinen bisher wichtigsten Sieg errang er 2011 an der Berglauf-Schweizer-Meisterschaft.


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