Verfasst von: aeropersredaktion | 01/10/2013

Piloten können auf mehr Schlaf hoffen

Ein Teilerfolg für die Flugsicherheit in Europa!

Piloten können auf mehr Schlaf hoffen und Passagiere damit ruhiger schlafen.

Tages-Anzeiger; 01.10.2013

Seite 39

Wirtschaft

Piloten können auf mehr Schlaf hoffen

Etappensieg für die Lobby der Piloten: Ein Ausschuss des EU-Parlaments weist neue, als gefährlich kritisierte Flugdienstregeln zurück.

Von Stephan Israel, BrüsselEs ist das Horrorszenario jedes Passagiers: An Bord einer britischen Passagiermaschine sind erst kürzlich wieder beide übermüdeten Piloten gleichzeitig eingeschlafen. Nur dank des funktionierenden Autopiloten ging der ernste Zwischenfall glimpflich aus. Es sind Vorfälle wie diese, die den europäischen Pilotenvereinigungen gestern im EU-Parlament zu einem Etappensieg verhalfen: Der Verkehrsausschuss lehnte als gefährlich kritisierte neue Arbeitszeitregeln für Piloten ab.

Dabei hatten die Mitgliedsstaaten dem Vorschlag der EU-Kommission bereits mit grosser Mehrheit zugestimmt. Nach dem überraschend deutlichen Votum im Ausschuss ist nun das Parlament dran. Erst wenn dieses die neuen Arbeitszeitregeln ablehnt, ist der Vorschlag der Kommission gescheitert. Dann bleibt es allerdings beim Status quo, der noch schlechter ist als der Kompromiss auf dem Tisch: Entsprechend scharf reagierte gestern die EU-Kommission: «Diese Abstimmung gefährdet Schlüsselmassnahmen zur Verbesserung der Flugsicherheit», sagtet Verkehrskommissar Siim Kallas. Aus der Sicht der Kommission sollte es bei der Vorlage darum gehen, erstmals europäische Mindeststandards für Arbeits- und Bereitschaftszeit festzulegen. Die nationalen Regelungen unterscheiden sich heute zum Teil erheblich. Vor diesem Hintergrund bestreiten die europäischen Pilotenvereinigungen nicht einmal, dass die harmonisierten Regeln auch Verbesserungen bringen. Allerdings gehen ihnen diese zu wenig weit. So zum Beispiel die maximal erlaubte Dauer von Nachtflugzeiten. Diese soll zwar um 45 Minuten auf elf Stunden gesenkt werden. Die Pilotenverbände drängen aber auf ein Maximum von zehn Stunden und verweisen auf Studien, wonach darauf die Gefahr der Übermüdung rasch steigt.

Laut der britischen Pilotenvereinigung soll in einer Umfrage die Hälfte der Piloten angegeben haben, im Cockpit schon einmal eingeschlafen zu sein. Ein Drittel stellte dabei fest, dass auch der Co-Pilot eingenickt war.

Kommission spricht von Mythen

Die Kommission habe die Argumente für kürzere Nachtflugzeiten alleine aus ökonomischen Gründen ignoriert, weil sonst auf vielen Langstrecken ein dritter Pilot ins Cockpit gesetzt werden müsste, kritisierten die Interessenverbände. Umstritten sind auch die Obergrenzen für Bereitschaftsdienst mit anschliessender Arbeitszeit. Die Pilotenlobby warnte, mit den neuen Regeln könnte es öfters vorkommen, dass Crews nach 22 Stunden Wachzeiten noch ein Flugzeug hätten landen dürfen.

Die EU-Kommission wirft den Kritikern vor, mit Mythen und falschen Zahlen Emotionen zu schüren. Die Debatte dürfe nicht auf der Grundlage von «irreführenden Schreckgeschichten und falschen Behauptungen» geführt werden, protestierte EU-Kommissar Kallas gestern. Für die Bereitschaft am Flughafen gebe es kombiniert mit einem Einsatz eine Obergrenze von 16 Stunden, während heute in einigen Mitgliedsstaaten bis zu 26 Stunden möglich seien. Und bei der Nachtbereitschaft zu Hause sollten Piloten schlafen und nicht in voller Montur bereitstehen, weshalb die vorgebrachten Wachzeiten von 22 Stunden nicht erreicht werden könnten.

Auch die Schweiz betroffen

Im Normalfall wären die neuen Flugdienstzeitregeln auf Expertenebene im sogenannten Komitologieverfahren durchgerutscht. Die erfolgreiche Lobbyarbeit der Pilotenverbände hat jetzt zur Folge, dass das Plenum des EU-Parlaments öffentlich diskutieren und die Kommission ihre Vorschläge vielleicht noch einmal nachbessern muss.

Die neuen Regeln für Bereitschafts- und Arbeitszeit würden auch für die Schweiz gelten. Der Swiss-Personalverband Aeropers begrüsste in einer Stellungnahme die Ablehnung der neuen Dienstzeitregeln im Parlamentsausschuss in Brüssel. «Die Abstimmung zeigt, dass die Sicherheit von Passagieren höher gewichtet wird als die wirtschaftlichen Interessen der Airlines.»

Laut einer britischen Studie soll die Hälfte der Piloten schon einmal im Cockpit eingenickt sein.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: