Verfasst von: aeropersredaktion | 03/10/2013

Sozialdumping bei Leihpiloten (Teil 1)

Personalverleih bei Piloten ist eine Büchse der Pandora, die am besten gar nicht geöffnet wird. Was passieren kann, zeigen uns Beispiele wie Ryanair oder Norwegian.

In der aktuellen Rundschau befasst Clemens Kopetz, AEROPERS-Vorstandsmitglied, sich mit dem Thema Leihpiloten. Wer die Rundschau nicht erhält, kann den Text nun hier nachlesen (Teil 1 heute, Teil 2 folgt am Samstag).

Spätestens seit den Aussagen unseres CEO gegenüber der Zeitung «Schweiz am Sonntag» wurde das Thema Leihpiloten auch in unserem Korps bekannt. Leihpiloten sind Piloten, die über eine Vermittlungsfirma an eine Fluggesellschaft ausgeliehen werden. Dabei handelt es sich rechtlich um einen Personalverleih, eine Form der Anstellung, die in sämtlichen Branchen zunimmt. Waren 1997 in der Schweiz noch 0,8 Prozent der Arbeitnehmer Leiharbeiter, so waren es 2007 bereits 1,9 Prozent, Tendenz stark steigend.

Die Arbeitskräfteüberlassung findet hauptsächlich in stark saisonal geprägten Branchen wie dem Bau- oder Gastgewerbe statt. Doch die Praxis ist auch in der Luftfahrt nicht neu. Business- und Charterfluggesellschaften decken ihren Bedarf in Spitzenzeiten oft durch eingemietete Piloten. Diese temporäre Abdeckung der Bedarfsspitzen ist durchaus nachvollziehbar. Seit einiger Zeit wird das Angebot von Leihpiloten jedoch auch von regulären Flugunternehmen in Anspruch genommen, und immer mehr junge Piloten finden nach ihrer Ausbildung keinen anderen Weg ins Cockpit als über eine Vermittlungsfirma.

Vorteile

Der grösste Vorteil ist zweifelsohne die Flexibilität. Die Piloten werden fertig ausgebildet angestellt. Dadurch kann ohne Vorlauf auf Bedarfsschwankungen reagiert werden. Je nach lokaler Gesetzeslage können bei gemieteten Piloten auch der Kündigungsschutz, der Lohn, die Spesen und die Sozialausgaben geringer ausfallen.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Leihpiloten zu schlechteren Bedingungen als ihre fix angestellten Kollegen arbeiten – ein klarer Vorteil für eine Firma. Aus Sicht des Piloten hingegen bedeutet das schlechte Arbeitsbedingungen zusammen mit fehlender Jobsicherheit. Meist wird dieses Paket auch noch durch eine fehlende Senioritätsliste und somit unklare Karriereaussichten abgerundet.

Der Fall Ryanair

Leiharbeiter laufen in jeder Branche Gefahr ausgenützt zu werden, so auch in der Luftfahrt. Wenn es um kreative Geschäftsmodelle geht, fällt meist bald einmal der Name Ryanair. In der Tat nutzt der irische Low Cost Carrier das Konzept der Leihpiloten voll aus. Mehr als die Hälfte ihrer 3500 Piloten sind nicht direkt bei Ryanair angestellt. Vielmehr sind diese Piloten eigenständige Unternehmer, die Ryanair Flugzeuge fliegen. Doch wie funktioniert das?

Um für die irische Billigfluglinie zu fliegen, muss der willige Pilot eine eigene «Limited» Gesellschaft (Ltd.) mit Sitz in Dublin gründen. Diese «Ein-Piloten-Ltd.» bietet ihre Arbeitsleistung der Firma Brookfield Aviation Ltd. an, die ihren Sitz ebenfalls in Dublin hat. Brookfield ihrerseits verleiht dann diese Piloten weiter an die Firma Ryanair. Der Pilot sitzt also in einem Flugzeug der Firma Ryanair, mit der er aber in keinem direkten Vertragsverhältnis steht.

Für den irischen Billigflieger ergeben sich daraus viele Vorteile: Da das fliegende Personal nach Blockstunden bezahlt wird, fallen keine Grundkosten an. Zudem können von einem Monat auf den anderen Kapazitäten auf- oder abgebaut oder von einer Basis auf eine andere transferiert werden. Der Pilot als Unternehmer muss sich selbst um seine Pensionskasse, Sozialabgaben und Steuern kümmern. Sollte einmal die Blockstundenanzahl und somit auch das Einkommen gekürzt werden, trägt ebenfalls der Pilot dieses unternehmerische Risiko.

Nicht vorenthalten möchte ich Euch ein paar andere Höhepunkte aus dem Brookfield Vertrag. Da der Pilot bei keiner Fluggesellschaft angestellt ist, trotzdem aber irgendwo in den Simulator muss, zahlt er als Pauschale viereinhalb Euro pro Flugstunde an Ryanair für die Nutzung ihrer Trainingseinrichtungen. Steht einmal ein Flug mit einem Instruktor oder einem Examiner an, so hat der Trainee für einen Teil der Kosten aufzukommen. Ein First Officer verdient übrigens 60 Euro brutto pro Flugstunde.

(Fortsetzung folgt am Samstag)

 

 


Responses

  1. […] (Fortsetzung des Artikels vom Donnerstag) […]

  2. […] Aus: Pilots of Swiss […]

  3. […] Aus: Pilots of Swiss […]


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