Verfasst von: aeropersredaktion | 05/10/2013

Sozialdumping bei Leihpiloten (Teil 2)

(Fortsetzung des Artikels vom Donnerstag)

Der Fall Norwegian

Ein weiteres Unternehmen, das Leihpiloten im grossen Stil einsetzt, ist Norwegian Air Shuttle, besser bekannt als Norwegian. Ihr Langstreckenkonzept kann man als höchst kreativ bezeichnen. Die in Zukunft betriebenen Boeing 787 werden von einer irischen Leasing Firma an die Firma Norwegian Air Shuttle (NAS) verleast. NAS ihrerseits verleast die irisch registrierten Flugzeuge «dry lease», also ohne Crew, weiter an ihr Tochterun-ternehmen Norwegian Long Haul (NLH). NLH wiederum mietet ihre Angestellten über eine externe Vermittlungsagentur ein und stationiert diese in der Crewbase Bangkok (sic!). Danach verleast die NLH die B-787 nun «wet lease» mit Crew zurück an ihr Mutterunternehmen Norwegian Air Shuttle. Rechtlich wurde das Flugzeug also quer durch die Welt verleast und hat irgendwo auf dem Weg eine Crew mit thailändischen Arbeitsverträgen aufgeladen. Tatsächlich operiert Norwegian ihre B-787 von den Basen in Skandinavien aus. Kreativ ist hier schon fast das falsche Wort. Surreal trifft es besser. Der thailändische Arbeitsvertrag und das damit verbundene Lohn- und Sozialdumping sind jedoch real. Der Flugpassagier bekommt von diesen Praktiken natürlich nichts mit. Er freut sich über einen günstigen Flug.

Widerstand formiert sich

Als zwei Ryanair Flight Attendants vor einigen Mona-ten ihre Arbeitsverträge in den Medien in Norwegen offen legten, kam es zu einem Aufschrei. Es dauerte nicht lange, bis auch die Verträge der Piloten medial unter die Lupe genommen wurden. Der Sturm der Ent-rüstung hielt an. Auch Norwegian entkam der Presse nicht. Die Arbeitsbedingungen seien bei beiden Low Cost Carriern moderne Sklaverei und menschenunwür-dig. Sowohl der blockstundenabhängige Lohn, als auch die abstrusen Vertragswerke sorgten für kollektives Kopfschütteln.

Nachdem bekannt wurde, dass in Oslo stationierte Ryanair Angestellte ihre Steuern in Irland zahlen, schaltete sich die Politik ein. Hier würde norwegisches Arbeitsrecht umgangen und diese Praxis habe umge-hend aufzuhören. Als der Tumult zu laut wurde, sah sich Michael O’Leary genötigt, nach Oslo zu reisen und die Wogen zu glätten. Aus seiner Sicht sei alles rechtens, da die Crews einen irischen Vertrag hätten und mit iri-schen Flugzeugen für ein irisches Unternehmen fliegen würden. Die Öffentlichkeit und auch die Politik liessen sich davon aber nicht beruhigen. Somit bleibt vorerst abzuwarten, wie die Gesetzgebung mit diesem Thema weiter umgehen wird. Ein erster Teilerfolg wurde Ende Juli in England errungen. Dort kritisierte ein Gericht in einem Verfahren die Scheinselbstständigkeit zwischen einem Piloten und der Firma Brookfield.

Ryanair-Piloten organisieren sich

Schon vor etwa zwei Jahren begann sich die European Cockpit Association (ECA) mit dem Thema Leihpiloten zu beschäftigen. Man nahm die Ryanair als Präzedenz-fall und begann, die Situation zu analysieren. Rasch wurde klar, viele Piloten sind mit ihrem Arbeitsplatz unzufrieden, können sich aber alleine nicht gegen ihren Arbeitgeber zur Wehr setzen. Mittels Kündigungen, Ver-setzungen in andere Basen, sowie mit Klagen verhindert Ryanair konsequent die Gründung eines Verbandes. Daher gründete die ECA die Ryanair Pilot Group (RPG, www.ryanairpilotgroup.com). Ziel dieser Arbeitsgruppe war es, zunächst einmal mit den Piloten in Kontakt zu treten. Dies erwies sich anfangs als schwierig, und bis heute muss der Kontakt unter strengster Vertraulichkeit stattfinden. Dennoch trägt das Projekt Früchte. Inzwi-schen sind mehr als 50 Prozent der Piloten Mitglied der RPG. Vor einem Monat wählten diese Piloten zum ersten Mal ihren eigenen Verbandsvorstand. Dieser besteht zwar noch aus ehemaligen Vorständen anderer Verbände. Trotzdem haben Ryanair Piloten zum ersten Mal seit 1985 Vertreter gewählt, die sie nach aussen hin repräsentieren und aktiv Medienarbeit und Lobbying betreiben.

Doch das ist nur ein Zwischenschritt. Bereits in einem Jahr soll dieser Übergangsvorstand ausgewechselt und mit Ryanair Piloten besetzt werden. Das Ziel, dass sich die Geschäftsleitung zusammen mit der RPG an einen Tisch setzt, ist aber nach wie vor in weiter Ferne.

Die ECA sieht die Ausnutzung von Leihpiloten als eines der momentan dringendsten Themen an. In ihrer Juni Konferenz wurde dazu ein Strategiepapier verabschiedet. Der Dachverband will nun zusammen mit den Mitgliedsverbänden gegen den immer häufigeren und immer dreisteren Einsatz von Leihpiloten vorgehen und auch politisch den Druck erhöhen.

Die Situation in der Schweiz

In der Schweiz operiert im Moment (noch) keine Fluggesellschaft mit Leihpiloten. Easyjet liebäugelt seit geraumer Zeit mit diesem Modell, setzt es jedoch noch nicht um. Das mag unter anderem mit der Rechtslage in der Schweiz zu tun haben. Der Personalverleih wird hierzulande durch das Arbeitsvermittlungsgesetz (AVG) geregelt. Grundsätzlich besteht für den Personalverleih eine Bewilligungspflicht, und es muss pro überlassenen Arbeitnehmer eine nicht geringe Kaution hinterlegt werden.

Somit schützt uns das AVG zusammen mit einem guten Unterwanderungsschutz vor «geliehenen» Piloten. Man muss aber kein Prophet sein um zu erkennen, dass es durch geschickte rechtliche Konstruktionen möglich ist, Gesetze zu umgehen.

AEROPERSSwissALPA ist sich der Gefahr durch Leihpiloten bewusst und beobachtet die Situation sowohl in der Schweiz, als auch auf internationaler Ebene. Wir unterstützen die ECA bei ihrem Bestreben für europaweite Regelungen und tragen unseren Teil auf nationaler Ebene dazu bei.

Denn – und hier kann ich mich nicht oft genug wiederholen – Piloten sollen bei der Gesellschaft angestellt sein, für die sie fliegen! l

Clemens Kopetz, Vorstandsmitglied AEROPERS


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