Verfasst von: aeropersredaktion | 02/06/2014

Direct Entries – Die Büchse der Pandora

Um die B-777 und die CSeries bei der Swiss European einflotten zu können, scheint der CEO der Swiss, Harry Hohmeister, in Zukunft auf Direct Entry Captains zu setzen. Während bei Swiss International genügend qualifizierte Piloten zur Verfügung stehen, gefährdet Hohmeister die über Jahrzehnte gewachsene Sicherheitskultur und die Perspektiven der Piloten. 

Am WEF 2013 kündigte Hohmeister an, das für ihn sehr «fragliche Senioritätssystem» zu überprüfen. Was er damit meint, ist klar: Er möchte gerne billige Captains einstellen, um Kosten zu sparen. Dass dies auf Kosten der Sicherheit geht, ist selbsterklärend. Der Artikel «Seniorität – Fluch oder Segen» in der «Rundschau»-Ausgabe 3/13 erklärt dies deutlich: «Das Senioritätsprinzip schützt qualifizierte Piloten. Wer aus Sicherheitsgründen zusätzlichen Treibstoff an Bord nimmt und vielleicht auch aus Sicherheitsgründen einmal einen Flug nicht durchführt, muss sich nicht vor Sanktionen fürchten.» Diesen Schutz für qualifizierte Piloten will Hohmeister zu Gunsten einer billigen Operation aufheben.

Gelebte Sicherheit

Schon am ersten Tag der Pilotenausbildung wird bei der Swiss auf eine offene Sicherheitskultur Wert gelegt. Fehler können angesprochen werden, ohne dafür bestraft zu werden. Aus den Fehlern einzelner sollen alle Piloten lernen können. Diese Sicherheitskultur ist nicht selbstverständlich. Bei Airlines im nahen Osten und in Asien werden Fehler nicht geduldet, obwohl sie in jedem System vorkommen. Das führt dazu, dass niemand aus gemachten Fehlern lernen kann, da Fehler von den Piloten verschwiegen werden, um nicht bestraft zu werden. Eine lernende Kultur kann so nicht geschaffen werden.

Eine solche Kultur kann aber auch nicht innerhalb kurzer Zeit entstehen. Voraussetzung dafür ist ein grosses Vertrauen der Piloten in die Flottenführung. Wenn ich meinem Vorgesetzten nicht traue, gehe ich auch nicht zu ihm, wenn ein Fehler passiert ist. Vertrauen kann nur über eine lange Zeit aufgebaut werden, weshalb es für die Sicherheitskultur ein grosser Vorteil ist, wenn die Piloten ihre ganze Karriere bei der Swiss verbringen.

Seniorität

Beim Senioritätsprinzip gilt das Recht des Dienstälteren. Als qualifizierter Pilot muss ich deshalb keine Sorge darum haben, dass ein anderer Pilot aufgrund von wirtschaftlich vorteilhafterem Verhalten für die Firma besser belohnt wird als ich. Als Pilot kann ich mich deshalb ganz der Sicherheit widmen und Entscheide so fällen, dass sie die grösstmögliche Sicherheit garantieren.

Durch das Abschaffen des Senioritätsprinzips, wie Hohmeister es anstrebt, fällt diese Sicherheitskultur auseinander. Externe Piloten können so an der Senioritätsliste vorbei eingestellt werden. Nicht selten sind dies Piloten, die bei anderen Airlines eine zweifelhafte Sicherheitskultur kennen gelernt haben und deshalb das notwendige Vertrauen nicht mitbringen. Gleichzeitig wird das bestehende Pilotenkorps unter Druck gesetzt, Entscheidungen auf wirtschaftliche Überlegungen zu basieren, um sich gegenüber dem Arbeitgeber zu profilieren. Das fragile Sicherheitssystem, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde, kann so innerhalb kurzer Zeit auseinanderfallen.

Perspektiven

Den jungen Nachwuchspiloten, die ihre hoffnungsvolle Karriere bei der Swiss gestartet haben, wird zudem auf lange Zeit die Beförderung auf das nächste Flugzeugmuster oder zum Captain verwehrt. Sobald Direct Entries in das System kommen, hat dies eine unmittelbare Auswirkung auf die Karriere der zukünftigen Generation. Für jedes Upgrading, das innerhalb der Firma stattfindet, entlässt ein altgedienter Pilot die Firma, ein junger First Officer wird zum Captain umgeschult und ein Flugschüler kann als First Officer in die Firma einsteigen. Diese Kette wird durch ein Direct Entry unterbrochen: Der First Officer kann sein Upgrading zum Captain nicht machen, und der Flugschüler muss länger auf seinen ersten Arbeitsplatz im Cockpit warten. Die meist jungen Direct Entry Captains haben zudem eine sehr grosse Auswirkung auf zukünftige Generationen. Ein 40-jähriger Direct Entry verhindert nicht bloss die Umschulung eines First Officers, sondern wirkt sich auf das System solange negativ aus, wie er in der Firma verweilt. Im Extremfall bis zur Pensionierung, die rund 20 Jahre später stattfindet. Die Motivation der jungen Nachwuchspiloten wird dadurch empfindlich getroffen und das System gestört.

Sicherheit kostet

Direct Entries sind nicht notwendig. Die Probleme für die Zukunft liegen nicht in erster Linie im knappen Pilotenbestand, sondern in der knappen Anzahl Instruktoren und in der fehlerhaften Planung des Avro-Ersatzes durch das Management. Die Swiss hat genügend qualifizierte Piloten. Lassen wir uns Zukunftsperspektiven und unsere Sicherheitskultur nicht durch einen Trojaner in Form von Direct Entries nehmen. Die Piloten der Swiss sind gut ausgebildete, motivierte Fachkräfte. Direct Entries zerstören ein System, das gut funktioniert und für die Zukunft bereit ist. Hohmeister ist dieses System ein Dorn im Auge: Er wünscht sich billige Captains. Einsparungen dürfen aber nicht auf Kosten der Sicherheit gehen.


Responses

  1. überall auf der Welt fliegen Direct Entries und Leihpiloten rum. Klar ist es nicht erwünscht aber dennoch ändert dies nichts an der Sicherheit !

    Da sollte man mal die Kirche im Dorf lassen!

  2. […] Das Senioritätsprinzip, welches Harry Hohmeister in einem Interview am Rande des WEF in Davos (2013) „sehr fraglich“ und „nicht sinnvoll“ empfand“, ist für uns Piloten eine Unumgänglichkeit. Für Laien vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennbar, sorgt das Senioritätsprinzip jedoch für die Sicherheit unserer Fluggäste durch eine notwendige Sicherheitkultur an Bord: Dafür, dass es im Cockpit nicht zu Missverständnissen kommt, und dass alle “auf einer Linie” sind. Dafür, dass sicherheitsrelevante Entscheidungen schnell und ohne Reibereien gefällt werden können. Dafür, dass die Piloten sich kennen, sich vertrauen und sich verständigen können. Weitere Details über das Senioritätsprinzip können Sie diesem Blogbeitrag entnehmen. […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: