Verfasst von: aeropersredaktion | 19/01/2015

Ein Plädoyer für den fairen Wettbewerb in Europas Luftfahrt

Seit den 90ern wandelte sich die Wirtschaftspolitik für die Luftfahrt enorm. Airlines befinden sich heute überwiegend in privater Hand und kämpfen um ihre Marktpositionen – gerade im Kontext von nationalen Unterschieden. Die Deregulierung und Liberalisierung des Marktes begünstigte einen „unfairen“ Wettbewerb innerhalb der globalen Luftfahrt, da zum Beispiel die Schweiz oder Deutschland strengeren Regularien unterliegen, als der asiatische Markt und der Nahe Osten.

Es fehlt daher an einem strikten, globalen Regelkatalog, welcher wettbewerbswidriges Verhalten verhindern würde. Die derzeitige, national beschränkte Gesetzgebung berücksichtigt keine global geltenden Arbeitnehmer- und Arbeitgeberrechte für die Flugbranche.

Als Folge der Liberalisierung entstanden nach und nach immer komplexere und undurchsichtigere, dafür aber ‚innovative‘ Businessmodelle. Um auf einem von Wettbewerb getriebenen Markt standzuhalten, geht es heute für viele Manager oft nur noch um Preisdumping. Die resultierenden Tiefstpreise werden durch Billiglöhne und flexiblere vertragliche Regelungen der Anstellungsverhältnisse generiert. Das Resultat verschlechterter Arbeitsbedingungen sind „kreative Fluggesellschaften“, die sich aus allen nationalen Regularien die Rosinen rauspicken und somit am meisten davon profitieren, dass es keine Vereinheitlichung gibt. Hier ein paar Beispiele:

Norwegian Air hat ihren „Hauptsitz“ in Irland, um die strengen Arbeits- und Sozialgesetze Norwegens zu umgehen. Zudem rekrutieren sie ihre Piloten über eine Agentur in Singapur.
Schein-Selbstständigkeit: Piloten müssen sich „selbstständig“ machen und z.B. eine englische Limited anmelden. Dann lassen sie sich über eine Agentur an verschiedene Fluggesellschaften vermittelt. Somit sparen die Fluggesellschaften u.a. die Sozialleistungen und umgehen gleichzeitig feste Lohnzahlungen.
Zero-hour contracts: Piloten werden nur für die Zeit in der Luft bezahlt – wer krank ist und nicht fliegen kann, verdient kein Geld… Eine sehr gefährliche Abhängigkeit, die da entsteht.
P2F: „Pay to Fly“, dies meint, dass Piloten nach ihrer Ausbildung auch noch ihr Typerating aus eigener Tasche zahlen müssen und allenfalls nur jene Stunden bezahlt bekommen, die sie auch wirklich in der Luft verbringen.(Quelle)

Was ist die Folge davon?

Die Piloten können sich nicht mehr auf die Sicherheit beim Fliegen konzentrieren, sondern sorgen sich tagtäglich um die nächste Anstellung und sind von stetiger Unsicherheit der Zukunft geplagt. Dies gleicht einem Tagelöhner.

Warum geht die Tendenz immer mehr in eine solche Richtung?

Aufgrund mangelnder Massnahmen der Aufsichts- und Regulierungsbehörden. Es fehlt beispielsweise an europaweiten Massnahmen seitens der Gewerbeaufsichtsbehörden. Die fortschreitende Globalisierung fördert dieses Problem sogar. So werden Fluggesellschaften in neuen Businessmodellen höchst kompliziert strukturiert und international organisiert. Für die Behörden ist der Flugbetrieb dann kaum mehr nachvollziehbar. Zudem lassen sich die Fluggesellschaften gerne dort nieder, wo die Behörden ihnen „keinen Stress“ machen. Dies nennt sich „regulatory forum shopping“.

Warum ist der globale Wettbewerb unfair?

Für Europa ist der globale Wettbewerb nicht fair, weil manche Länder ihre Fluggesellschaften staatlich fördern oder sogar in dessen Besitz sind, wie bspw. in Asien oder dem Nahen Osten. Dies verschafft diesen Airlines enorme Wettbewerbsvorteile, vor allem aufgrund des günstigen Zugangs zu billiger Infrastruktur, Kapital und Kerosin (bedenken Sie hier die Ressourcen z.B. der „Öl-Länder“). Zu nennen sind hierbei die „Big Three“ des Nahen Ostens: Emirates, Etihad und Qatar Airways; nicht zu vergessen deren massive Flottenexpansion. Alle dieser drei Gesellschaften sind zu 100% in Staatsbesitz, das heisst, die finanzielle Situation ist intransparent und unkontrollierbar. Hinzu kommt die Infrastruktur der Flughäfen, die immer mehr zu einem Pull-Faktor für Billigfluglinien wird. Dies stärkt die Stellung solcher Airlines und verdrängt die europäischen Wettbewerber immer mehr.

Was fordern wir?

Um in Zukunft den unfairen Wettbewerb zu stoppen, muss der europäische Gesetzgeber handeln. Wir fordern:
Europa muss sich besser koordinieren und die Sozialgesetzgebung verstärken, um die ungewollten Folgen der Liberalisierung des Flugmarktes anzugehen. Wir fordern verstärkte Massnahmen, die der Scheinselbstständigkeit und dem Sozialdumping entgegen wirken – dies sollte ein priorisiertes Ziel in Europas Luftfahrt sein.
Wir fordern strikte Regularien gegen ‚Subventionsshopping‘ oder das ‚regulatory forum shopping‘, um unfaire Businessmodelle in ihrem Handeln einzudämmen bzw. von vornherein zu verhindern.
Der Beginn eines fairen Wettbewerbs – und dies betrifft insbesondere die Mitstreiter aus Asien und dem Mittleren Osten – ist Grundvoraussetzung und der einzige Weg für den Erhalt der europäischen Luftfahrt-Industrie.

Weitere Informationen finden Sie unter: The European Cockpit Association (ECA) 


Responses

  1. […] ungleiche Verteilung der Gewinne, trotz gleicher Konzerngrösse, so sollte man sich noch einmal unseren letzen Beitrag über die „Unfairness des Wettbewerbs“ vor Augen […]

  2. […] wir schon in einem vorherigen Blogbeitrag hingewiesen haben, fördert dieses Vorgehen den unfairen Wettbewerb. Dazu sehen Sie auch dieses […]


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