Verfasst von: aeropersredaktion | 31/03/2015

Neue Sicherheitskonzepte und -massnahmen in der Luftfahrt

Auch AEROPERS ist der Meinung, dass das gesamten Sicherheitskonzept und alle Massnahmen nach der Tragödie letzter Woche grundsätzlich zu überdenken sind. Definitive und dauerhafte Veränderungen sollten aber erst eingeführt werden, wenn eine gründliche und objektive Untersuchung der Ereignisse vorliegt. (Hier gehts es zum Artikel in der NZZ am Sonntag)

Die Zwei-Personen-Regel

Nach dem tragischen Absturz reagierten in den letzten Tagen einige Fluggesellschaften mit der sofortigen Einführung der Zwei-Personen-Regel für das Cockpit. Die Massnahme wurde aufgrund der jüngsten Ereignisse und einer Sicherheitsempfehlung der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) eingeführt. In den USA gilt das «Vier-Augen-Prinzip» schon länger. Nun wird es auch von europäischen Airlines im Cockpit umgesetzt. Die Swiss hat diese Massnahme – wie der gesamte Lufthansakonzern – ebenfalls umgesetzt.

Die neue Zwei-Personen-Regel besagt, dass sobald einer der Piloten das Cockpit verlässt, sich ein weiteres Crew-Mitglied an dem Platz des Piloten aufhalten muss und diesen dadurch „bewachen“ kann. Das Crewmitglied übernimmt damit eine Art Überwachungsfunktion. Um das Vier Augen Prinzip umzusetzen, müssen sich also stets zwei Personen im Cockpit befinden. Damit soll sichergestellt werden, dass das Schicksal aller Passagiere und der Crew an Bord zu keinem Zeitpunkt mehr in der Hand eines Einzelnen liegen kann. Solch eine Tragödie wie letze Woche, soll ein Einzelfall bleiben und dadurch zukünftig verhindert werden. Alleine die Anwesenheit einer zweiten Person erhöhe die psychologische Hürde, und reduziere das Risiko (den gehegten Plan auch wirklich in die Tat umzusetzen), so die Idee der neuen Regel.

Kritik

Gleichzeit gibt es Meinungen, die die Einführung dieser neuen Regel nicht unkritisch sehen, da es wie blosser «Scheinaktionismus» wirken könnte. Wirklich verhindern kann ein anwesendes Crewmitglied im Ernstfall wahrscheinlich nichts. Wenn ein Pilot die entsprechende Absicht hat, kann er eine Maschine innerhalb von 2 Sekunden zum Abstürzen bringen. (Mehr dazu lesen Sie in diesem Artikel der FAZ)

Zudem führt die Zwei-Personen-Regelung zur bisher ebenfalls aus Sicherheitsgründen nicht gewollten Öffnung des Cockpits für Dritte (neben dem Captain und dem Copilot).

Diese Öffnung hebelt die eigentliche Idee, die dahinter stand aus. Nach dem 11. September 2001 wurde die automatische Cockpit-Verriegelung eingeführt, um zu verhindern, dass Terroristen ins Cockpit gelangen können. Während es für Terrororganisationen sehr schwer wäre, Attentäter ins Pilotenkorps einzuschleusen, wäre dies beim Kabinenpersonal unstreitig viel einfacher. Hier ist die Ausbildung deutlich kürzer und die Selektion weniger intensiv und streng. Es wäre somit grundsätzlich vorstellbar, dass eine Terrororganisation das Kabinenpersonal unterwandert und die Zwei-Personen-Regel dafür nutzt, dass ein Attentäter irgendwann ins Cockpit gelangen könnte. Wir reden dabei selbstverständlich von einem hypothetischen Fall, aber dies gilt es bei der Verbesserung der Sicherheit und der Identifikation möglicher Risiken immer zu bedenken.

Die richtigen Sicherheitsmassnahmen

Einige Airlines setzten die Zwei-Personen-Regel direkt unreflektiert um. Der öffentliche Druck auf das Management war und ist natürlich enorm und das Tempo der Umsetzung damit nachvollziehbar. Aber bevor eine solch weitreichende Massnahme definitiv zur Pflicht wird, müssen zunächst alle Vor- und Nachteile ausgiebig analysiert und mögliche Risiken und Konsequenzen diskutiert werden. Die jetzige Situation ist unzweifelhaft nicht der beste Moment, um eine so weitreichende Entscheidungen treffen zu können. Dafür braucht es mehr Zeit, Besonnenheit und Orientierung an Fakten sowie kritischen Überlegungen – aber keine eventuell vorschnellen Entscheidungen, die das Management aufgrund von empfundenen Druck der Öffentlichkeit trifft. Sicherheit und Zuverlässigkeit sind nur durch die richtigen Massnahmen zu gewährleisten. Daher halten wir AEROPERS-Piloten es für richtig, abzuwarten was die ausgiebige Analyse möglicher neuer Sicherheits-Massnahmen ergibt. Dann kann die richtige, definitive Entscheidung getroffen und durchgesetzt werden.

Transparenz?

Für mehr Sicherheit könnten vielleicht auch regelmässige, sporadische psychologische Tests sorgen. Diese sind in den USA bereits die Regel. Bei dieser Methode werden Piloten zufällig ausgewählt und zu medizinischen und psychologischen Tests aufgeboten. Dies wäre aber zunächst zu prüfen.

Als weitere Verschärfung der Sicherheits-Massnahmen wird nun die Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht diskutiert. Anders als bei den Strassenverkehrsämtern, unterliegt die Luftfahrt wie auch jeder anderen Berufsbereich der Schweigepflicht. Melden darf der Arzt einen fluguntauglichen Piloten zum Beispiel nur dann, wenn dieser androht, trotz attestierter Arbeitsunfähigkeit zu fliegen. Die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie sieht hierbei Handlungsbedarf und fordert ein vereinfachtes Melderecht für Ärzte bei Piloten. In Bern geht man bereits davon aus, dass die Schweigepflicht aufgehoben wird, die Gesetzeslage sei unbefriedigend. Auch eine solche Massnahme ist sorgfältig zu prüfen, damit man im Ergebnis keine Isolation einzelner Piloten erzielt, die sich dann auch nicht mal mehr ihrem Arzt anvertrauen wollen oder können. Wir warnen daher auch hier vor Schnellschüssen. (Mehr dazu)

Wir AEROPERS-Piloten sind grundsätzlich offen für Zusatzmassnahmen, die die Sicherheit der Luftfahrtbranche weiterhin nicht nur gewährleisten, sondern weiter verbessern. Aber diese dürfen nur wohlbedacht und niemals vorschnell aufgrund von Druck der medialen Öffentlichkeit entschieden werden. Solche Massnahmen müssen mit allen Vor- und Nachteilen sowohl intensiv, als auch umfassend durchdacht und ausdiskutiert sowie sorgsam abgewogen werden.


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