Verfasst von: aeropersredaktion | 21/04/2015

Ärztliche Schweigepflicht – Gründe und Kontroversen über die Entbindung vom Arztgeheimnis

Nach dem Germanwings-Unglück kommt in den letzten Wochen die Diskussion um die Lockerung oder gar die Entbindung der Ärzte in sensiblen Berufen von der Schweigepflicht auf. Hintergrund dieser Forderung ist die Frage danach, ob das Unglück vielleicht hätte verhindert werden können, wenn die psychische Krankheit des Co-Piloten „offiziell“ bekannt gewesen wäre.

Das Dilemma der ärztlichen Schweigepflicht als Entscheidungs-Last

Stellen Ärztinnen oder Ärzte bei einem Patienten eine psychische Erkrankung fest, die zu einer Fremdgefährdung führen könnte, befinden sie sich in einem Dilemma. Einerseits möchte der behandelnde Arzt nicht das Vertrauen seines Patienten gefährden, andererseits sicherlich aber auch nicht die Sicherheit von Dritten, nämlich dann, wenn der Patient eine Fremdgefährdung darstellen könnte. Jeder Individualfall fordert dann eine individuelle Entscheidung.

Anders als in Deutschland z.B. stehen Schweizer Ärzte nicht alleine vor dieser oftmals sehr heiklen Entscheidung. Zur Entlastung können sie bei der ihnen vorgesetzten Behörde ein Gesuch um Entbindung von der Schweigepflicht stellen. Die Behörde entscheidet dann stellvertretend für die Ärzte. Von dieser Möglichkeit machen Ärzte und andere Angehörige von Gesundheitsberufen in der Schweiz jährlich in Tausenden von Fällen Gebrauch. (VGL NZZ 10.04.2015, Seite 10)

In allen Berufen sollte nur dann gearbeitet werden, wenn psychische Gesundheit und Arbeitsfähigkeit gewährleistet sind. Gerade in Berufen, in denen das Leben Dritter in den Händen eines anderen liegt, bekommt die Arbeitstauglichkeit eine neue Dimension. Z.B. bei einem Arzt oder einem Piloten hängt, im Gegensatz zu einem Büroangestellten, von der Tauglichkeit eines Einzelnen die Sicherheit von Menschen ab. Daher ist für die Luftfahrtbranche das fliegerärztliche Tauglichkeitszeugnis von so hoher Wichtigkeit.

Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht als Lösung?

Auch wenn derzeit die Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht diskutiert wird, so muss auch hier wieder vor voreiligen und zu schnellen sicherheitsrelevanten Entscheidungen gewarnt werden. Nach einer solchen Tragödie ist es natürlich verständlich, dass schnellstmöglich nach neuen Sicherheitskonzepten gesucht wird, um ein solches Unglück in der Zukunft zu vermeiden. Auch wir Piloten analysieren und diskutieren intensiv, was getan werden kann. Aber immer nur aufgrund gesicherter Fakten und immer unter Berücksichtigung sämtlicher Folgen einer vielleicht nur auf den ersten Blick gut aussehenden Lösung. Auch die Abschaffung der ärztlichen Schweigepflicht als Gesetzesänderung muss intensiv diskutiert werden, vor allem dürfen auch die negativen Folgen nicht ausser Acht gelassen werden.

Ärzte unterliegen der Anzeigepflicht – wenn Gefahr besteht, muss die Schweigepflicht gebrochen werden 

Die Gesetzeslage in der Schweiz sorgt dafür, dass wenn durch einen Patienten eine Gefahr für andere besteht, dies umgehend der zuständigen Sicherheitsbehörde zu melden ist. Ärzte unterliegen nämlich in einem solchen Fall der Anzeigepflicht. Es sollte also davon ausgegangen werden, dass wenn durch eine (psychische) Erkrankung eine Fremdgefährdung möglich ist, dieser Fall umgehend gemeldet werden muss. Die Anzeigepflicht ist eine persönliche Berufspflicht des behandelnden Arztes. Die Grenzen dieser Pflicht sind laut der Psychiaterin Karin Gutierrez-Lobos aber auch unter Experten noch umstritten. (Vgl. Oe-Zeitschrift News) Weiterhin argumentiert sie an dieser Stelle, dass menschliches Verhalten keinen Naturgesetzen folgt und ständig neu beeinflusst werden kann. Vorhersagen über das Verhalten von Patienten in der Zukunft seien sehr schwer zu treffen, insbesondere je weiter sie in die Zukunft gerichtet sind.

Vertrauen und Wertschätzung

Ein Arzt ist eine Vertrauensperson. Wenn er diese Funktionsrolle verliert, so wird sich vielleicht kein kranker Mensch mehr einem Arzt anvertrauen, wenn die benötigte Basis entzogen wird. Denn in kaum einem anderen Beruf werden so viele intime und persönliche „Geständnisse“ einer völlig fremden Person anvertraut. Neben einer fachgerechten Behandlung benötigen kranke Menschen Wertschätzung und viel Mitgefühl, so die Psychiaterin Karin Gutierrez-Lobos (Viezedirektorin MedUni Wien). „Die Sicherheit, dass diese persönlichen Details geschützt sind, ist eine grundlegende ethische Voraussetzung jeder ärztlichen Tätigkeit, die sowohl im Ärztegesetz als auch im Strafrecht geregelt sind. Bei Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht folgt eine sechsmonatige Haftstrafe.“ Auch in der Schweiz drohen je nach Schwere des Deliktes Geldbussen oder eine Haftstrafe.

Sicherheit muss in Einklang mit der Verschwiegenheit gebracht werden

Gesundheitsdaten geniessen zu Recht einen hohen Schutz. Auch wenn die Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht eine Verstärkung der Sicherheit darstellt, so gilt das vielleicht nur oberflächlich. Denn wenn die ärztliche Schweigepflicht nicht mehr existiert und die Daten nicht mehr unter Schutz stehen, wer wendet sich denn dann noch freiwillig an einen Arzt, aufgrund von persönlichen Problemen? Die Folge dessen kann zukünftige „Eigenbrötelei“ sein. Aus Angst den Job zu verlieren oder aus Angst vor Stigmatisierung werden die Menschen vielleicht auf professionelle Hilfe von aussen verzichten. Das würde ein noch viel grösseres Risiko darstellen.

Wir AEROPERS-Piloten plädieren dafür, dass, bevor es zu einer Gesetzesänderung kommt, alle Konsequenzen (positiv wie auch negativ) beachtet und ausführlichst diskutiert werden. Auch wenn die Anlassgebung zur Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht zunächst zur Beruhigung der Öffentlichkeit beiträgt, läuft diese Gefahr, dass damit noch weitreichendere Einbussen für die langfristige Sicherheit hervorgerufen werden könnten.


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