Verfasst von: aeropersredaktion | 29/08/2019

Arbeit – so viel wie nötig, so wenig wie möglich

Die Teilzeitbeschäftigung wird häufig als nicht vollwertig charakterisiert und hatte nicht immer einen guten Ruf. Unterdessen wird Teilzeitarbeit immer beliebter, und viele Arbeitnehmer möchten nicht mehr Vollzeit arbeiten. Gründe hierfür gibt es viele. Auch bei den Piloten der SWISS erfreuen sich Teilzeitverträge grosser Beliebtheit. Selbst monatelange Auszeiten werden üblicher und von den Arbeitnehmern eingefordert.

 Text: Dominik Haug

 Raus aus dem Alltag, Energie tanken, das Leben geniessen und sich weiterentwickeln. Die Gründe für eine Verringerung des Arbeitspensums sind vielfältig. Immer mehr Arbeitnehmer reduzieren ihre Arbeitszeit oder nehmen gar eine komplette Auszeit von ihrem Job. War eine berufliche Auszeit vor einigen Jahren noch auf wenige Berufszweige beschränkt, ermöglichen es heutzutage immer mehr Unternehmen ihren Mitarbeitern, eine temporäre Auszeit zu nehmen.

Teilzeitarbeit – mehr Zeit für sich

Als Teilzeitangestellten versteht man jemanden, der weniger als 90 Prozent arbeitet. Wenn man das Thema im europäischen Vergleich betrachtet, drängt sich der Eindruck auf, dass die Arbeit im Teilzeitvertrag ein Wohlstandsphänomen ist. So zeigt sich, dass gerade in wohlhabenden Ländern ein grösserer Teil der Arbeitnehmer einen reduzierten Beschäftigungsgrad wählt. Spitzenreiter mit 51 Prozent sind die Niederlande. Platz zwei belegt die Schweiz, in der 39 Prozent der Arbeitnehmer in Teilzeit arbeiten. Mit Österreich, Deutschland und England folgen Länder mit einem ebenfalls hohen Wohlstandsniveau. Am Ende der Liste findet man Kroatien, Ungarn und Bulgarien mit jeweils deutlich unter zehn Prozent Teilzeitarbeitern.

Neben den Unterschieden zwischen den Ländern lässt sich auch ein statistischer Unterschied zwischen den Geschlechtern beobachten. Obwohl die Männer in den letzten Jahren aufholen, stellen die Frauen doch den deutlich grösseren Anteil der Teilzeitnehmer. Im Jahr 2017 waren 59 Prozent der Frauen in Teilzeit angestellt. Bei den Männern waren es lediglich 19 Prozent. Der nahe liegende Grund dafür ist häufig die familiäre Situation. So weisen Mütter, deren jüngstes Kind noch keine vier Jahre alt ist, mit 82 Prozent die höchste Teilzeitquote auf. Bei Vätern in der gleichen familiären Situation liegt der Anteil allerdings nur bei 14 Prozent. Der deutlich höhere Anteil von Teilzeitpensen bei Frauen kann aber nicht ausschliesslich mit der Kinderbetreuung erklärt werden. Denn tatsächlich arbeiten auch in Partnerschaften ohne Kinder Frauen zu 41 Prozent in einem Teilzeitpensum – bei den Männern sind es gerade mal zwölf Prozent.

TZ

Verteilung der Teilzeitarbeitenden in der Schweiz in den Jahren 2000 bis 2019

Deutliche Unterschiede zeigen sich bei den Gründen für eine Teilzeitbeschäftigung. Bei Frauen ist der häufigste Grund die Kinderbetreuung vor «familiären Gründen» auf dem zweiten Platz. Bei den Männern gehen die meisten neben ihrer Teilzeitstelle einer Weiterbildung oder einem Studium nach. Dies spiegelt sich auch bei einem Blick auf das Alter der Teilzeitangestellten wider. Während der Anteil der Teilzeitpensen bei den Frauen zwischen 30 und 50 Jahren am höchsten ist, ist die Quote bei den Männern zwischen 20 und 30 Jahren und dann wieder über 50 Jahren am höchsten.

Ein weiterer wichtiger Beweggrund, der von beiden Geschlechtern fast gleich stark gewichtet wird, ist das generell mangelnde Interesse an einer Vollzeitstelle. Das kann als Indiz dafür gewertet werden, dass gewisse Arbeitnehmer materiell nicht auf eine Vollzeitstelle angewiesen sind. Sie möchten nur so viel arbeiten, wie sie müssen, um ihre Kosten zu decken. Den Rest der Zeit möchten sie lieber für andere Dinge zur Verfügung haben. Insbesondere diese Tendenz ist in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen. Unabhängig von der finanziellen Stärke der Arbeitnehmer ist auch die persönliche Gesundheit ein Faktor. Die Arbeitsbelastung ist in vielen Bereichen in den letzten Jahren und Jahrzehnten deutlich angestiegen. Viele Arbeitnehmer wählen daher die Teilzeitbeschäftigung zum Selbstschutz. Sie möchten die Belastung reduzieren, bevor Krankheiten wie Burnouts oder Depressionen auftreten. Um diesen Bedürfnissen gerecht zu werden, haben sich mittlerweile verschiedene Teilzeit- und Auszeitmodelle etabliert.

Jobsharing – gemeinsam eine Stelle besetzen

Eine relativ neue Art der reduzierten Arbeit ist das Jobsharing. Hier teilen sich mindestens zwei Angestellte eine Vollzeitstelle. Im Allgemeinen gibt es nur eine Stellenbeschreibung für alle beteiligten Angestellten, und diese teilen sich auch die Verantwortung für diese Arbeitsstelle. Im Jahr 2016 arbeiteten 3,7 Prozent aller Arbeitnehmer, beziehungsweise 9,8 Prozent der Teilzeit-
erwerbstätigen im Jobsharing. Bei Frauen, Eltern mit einem Kind unter 15 Jahren und Teilzeiterwerbstätigen mit einem Beschäftigungsgrad zwischen 20 und 69 Prozent ist Jobsharing besonders verbreitet.

Jobsharing und Teilzeit bei der SWISS

Bei der SWISS ist die Möglichkeit des Jobsharings im GAV verankert. Hier können sich zwei Kurzstrecken-piloten, die jeweils ein Arbeitspensum von 50 Prozent haben, eine Vollzeitstelle teilen. Momentan nimmt noch kein Pilot dieses Angebot in Anspruch. Ein anderes Bild zeigt sich beim Blick auf die Anzahl der Piloten, die in Teilzeit angestellt sind. Rund ein Drittel der SWISS-Piloten arbeitet im Teilzeitmodell.

Insbesondere zwischen den Kapitänen und den Ersten Offizieren zeigen sich hier deutliche Unterschiede. So ist beinahe jeder zweite Kapitän der SWISS in Teilzeit angestellt. Bei den First Officer sind es lediglich 15 Prozent. Ein Grund hierfür ist sicherlich der höhere Lohn der Kapitäne. Das höhere Salär erlaubt es ihnen, sich zusätzliche Freizeit zu erkaufen. Was im ersten Moment nach Luxus klingen mag, hat aber vermutlich einen anderen Hintergrund. Die hohe Arbeitsbelastung, die durch neue Arbeitszeitregelungen in den letzten Jahren nochmals deutlich zugenommen hat, lässt sich zu Beginn der Karriere deutlich besser verkraften. Einige dienstältere Kapitäne wollen sich dem Risiko der Überbelastung nicht aussetzen. Daher leisten es sich viele, das Arbeitspensum proaktiv mit einem Teilzeitvertrag zu reduzieren.

Unterschiede zeigen sich auch zwischen Kurz- und Langstreckenpiloten. Bei der SWISS arbeiten beinahe drei Viertel aller Kurzstreckenpiloten Vollzeit. Bei den Kapitänen sind es 60 Prozent, bei den First Officer stolze 90 Prozent. Die Teilzeitquote auf der A320-Flotte ist dabei höher als auf der CSeries-Flotte. Auf der Langstrecke ist die Teilzeitquote deutlich höher. Hier arbeiten nur zwei Drittel aller Piloten im Vollzeitpensum. Bei den Kapitänen sind es sogar nur etwa 50 Prozent. Bei den Ersten Offizieren arbeitet nur jeder Fünfte in Teilzeit. Zwischen den beiden Langstreckenflotten lässt sich kaum ein Unterschied beobachten.

Sabbatical – eine Auszeit nehmen

Einfach mal eine Pause machen und eine Auszeit vom Berufsleben nehmen – das ist für immer mehr Arbeitnehmer wichtig. Deshalb bieten Arbeitgeber vermehrt ein solches Sabbatical, zu Deutsch Sabbatjahr, an. Es klingt auf den ersten Blick sehr verlockend, bis zu einem Jahr bezahlten Sonderurlaub zu nehmen. Laut einer Umfrage in Deutschland sehnen sich 57 Prozent der Arbeitnehmer nach einer solchen Auszeit. In einer Umfrage des Versicherungsunternehmens ARAG geben die meisten Befragten an, dass sie mehr Zeit für sich und ihre Interessen wünschen und dem Stress der Arbeit entfliehen wollen.

TZ

Zeit für sich selbst steht beim Sabbatical im Vordergrund

Einen rechtlichen Anspruch auf ein Sabbatjahr haben bisher leider immer noch die wenigsten Angestellten. Insbesondere in der Privatwirtschaft liegt es am einzelnen Arbeitgeber, ob er eine solche Auszeit anbieten will. Lediglich im öffentlichen Bereich und bei Beamten in Deutschland gibt es teilweise einen Rechtsanspruch darauf. Um eine solche Auszeit zu ermöglichen, haben sich verschiedene Modelle etabliert.

  • Auszeit durch unbezahlte Abwesenheit

Die einfachste und günstigste Möglichkeit für ein Unternehmen ist die unbezahlte Freistellung des Mitarbeiters. So fehlt für diese Zeit nur die Arbeitskraft, es entstehen aber keinerlei Kosten für das Unternehmen. Für den Arbeitnehmer hingegen ist dieses Modell eine grosse finanzielle Belastung. Insbesondere, weil er in der Regel auch für die Sozialversicherungen selbst aufkommen muss. Auch sind in diesem Fall die Beiträge für die Pensionskasse in der Regel pausiert. Die SWISS bietet diese Möglichkeit mit UBU+ an. Allerdings können dieses Angebot jeweils nur wenige Piloten gleichzeitig in Anspruch nehmen.

  • Auszeit durch bezahlten Sonderurlaub

Grundsätzlich könnte eine Auszeit auch als Sonderurlaub gewährt werden. Im Sinne des klassischen Sabbaticals haben nur die wenigsten Arbeitgeber daran ein Interesse. Ob und wie viel Gehalt ausbezahlt wird, ist von Fall zu Fall verschieden. Der Vorteil für den Arbeitnehmer ist aber, dass die Sozialabgaben und der Lohn vom Unternehmen bezahlt werden. Auch ruht das Arbeitsverhältnis nicht, sondern läuft so weiter, als ob der Mitarbeiter seiner Arbeit nachginge.

  • Auszeit durch Lohnverzicht

Üblicherweise wird dieses Sabbatical durch einen vorhergehenden Lohnverzicht finanziert. Das heisst beispielsweise, dass der Mitarbeiter vier Jahre lang nur vier Fünftel seines Vollzeitgehalts ausbezahlt bekommt. Er verzichtet also temporär auf ein Fünftel seines Gehalts. Dieses wird vom Arbeitgeber angespart. Im fünften Jahr nimmt er dann eine einjährige Auszeit und bekommt den bisher angesparten Lohn als Gehalt ausbezahlt. Der grosse Vorteil hierbei ist, dass das Arbeitsverhältnis bei diesem Sabbatical-Modell bestehen bleibt. Der Angestellte bleibt ein normaler Mitarbeiter des Unternehmens mit all seinen Rechten und Pflichten.

  • Auszeit durch Teilzeitarbeit

Dieses Modell ist dem Lohnverzicht recht ähnlich. Vor Beginn des Sabbatjahrs wird eine Teilzeitvereinbarung geschlossen. Der Mitarbeiter arbeitet jedoch weiterhin Vollzeit, er erhält aber lediglich einen Teilzeitlohn. Die Differenz zum Vollzeitlohn wird auch bei diesem Modell angespart. Während der Abwesenheit wird der angesparte Teilzeitlohn dann ausbezahlt.

  • Auszeit durch Guthabenkonto

Auch dieses Modell ist den beiden vorigen recht ähnlich. Hier kann der Arbeitnehmer aber neben Überstunden auch potenzielle Bonuszahlungen, Weihnachtsgelder und andere Extras auf ein Guthabenkonto buchen lassen. Mit diesem Guthaben wird die Abwesenheit finanziert.

Ruhendes Arbeitsverhältnis

Neben diesen Möglichkeiten zur Auszeit ist im GAV zwischen der SWISS und der AEROPERS das «ruhende Arbeitsverhältnis», kurz RAV, festgelegt. Das ruhende Arbeitsverhältnis soll längere Abwesenheiten ermöglichen. Während mindestens sechs Monaten und maximal drei Jahren ruhen sämtliche Rechte und Pflichten des Arbeitsverhältnisses. Insbesondere ruht der gesamte Versicherungsschutz wie beispielsweise Unfallversicherung und Pensionskassenbeiträge. Im Gegensatz zum klassischen Sabbatical muss sich der Mitarbeiter aktiv um den Wiedereintritt bemühen. Erfolgt dieses Wiedereintrittsgesuch nicht zu den vorgegebenen Fristen, erlischt der Anspruch auf Wiedereintritt. Auch mögliche Karriereschritte verschieben sich durch das RAV nach festgelegten Berechnungen nach hinten. Die meisten Anträge auf ein ruhendes Arbeitsverhältnis erfolgen, um sich weiter- oder umzubilden oder für die Kinderbetreuung.

Unabhängig davon, wie die Auszeit finanziert wird, ist sie eine finanzielle Belastung für den Arbeitnehmer. Die wenigsten Modelle sind voll bezahlt. Die Unternehmen haben wenig Interesse daran, für einen Arbeitnehmer zu bezahlen, dessen Arbeitskraft nicht zur Verfügung steht.

Moderne Arbeitsbedingungen

Allgemein lässt sich erkennen, dass Teilzeitarbeit immer wichtiger wird. Gerade jüngere Menschen und Berufsanfänger legen Wert auf Teilzeitmöglichkeiten und moderne Arbeitsbedingungen. Mittlerweile werden in knapp 20 Prozent der deutschen Unternehmen aktiv Auszeiten gefördert.

Diesen Trend hat die AEROPERS schon länger erkannt. In ihren Zielen hat sie festgehalten, dass sie sich für moderne und attraktive Arbeitsbedingungen einsetzen will. Neben einer langfristigen Auszeit ist auch eine besser planbare Freizeit ein grosses Anliegen der Belegschaft. Selbstverständlich kommen Aviatik-Berufe mit unregelmässigeren Arbeitszeiten daher als Bürojobs. Viele unserer Mitarbeiter bewerten gerade das als positiv. Allerdings ist ein gewisses Mass an planbarer Freizeit trotzdem essenziell. Andere Fluggesellschaften arbeiten mit einem fixen Arbeitsplan, bestehend aus Blöcken von Arbeits- und Freitagen.
Bei der Edelweiss gibt es die Möglichkeit, über einen Teilzeitvertrag fixe Werktage frei zu planen. Es bleibt also abzuwarten, welche Modelle die SWISS mit der AEROPERS in Zukunft aushandeln wird. Denn dem steigenden Bedürfnis der Mitarbeiter nach modernen, flexibleren Arbeitszeitmodellen sollte Rechnung getragen werden.

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